Sabine Göttel  
 
 
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AN DER GRENZE

"Besuch bei Zerberus": Anne Weber sucht nach den letzten Dingen und findet nur allzu Bekanntes

Den Töchtern kommen die Mütter abhanden in den Texten junger deutscher Autorinnen - verunglückt bei Alexa Hennig von Lange (Woher ich komme), in den Westen gegangen bei Zsuza Bánk, (Der Schwimmer) oder irgendwie verrückt und hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt (Malin Schwerdtfeger, Café Saratoga). Und so schreiben die Töchter Bücher über Väter. Mit der programmatischen Sonnigkeit der Neuen Männer allerdings, die freudig emanzipiert Windeln wechseln oder sich dem Nachwuchs als gutgelaunte Begleitung zum Diskobesuch aufdrängen, sind diese seltsamen Vaterwesen nicht begabt. Meist in sich verschlossen und wortkarg, leiden sie am Leben und vor allem unter der Abwesenheit ihrer Ehefrauen.
Klage wird, wie noch in den Vaterbüchern der Eltern- und Nachkriegsgeneration, gegen die neuen Väter aber kaum mehr geführt: Für verpfuschte Kindheiten und verkrüppelte Psychen kann man von einem einsamen, kauzigen Typen ohne Leitwolfqualitäten, der schon genug mit sich selbst zu tun hat, keine Wiedergutmachung fordern. Mehr schlecht als recht kommt man miteinander klar, auch ohne Mütter. Man sehnt sich still nach der Liebe des Vaters und entbehrt diejenige der Mutter schmerzlich. Eine zarte, poetische Melancholie hängt über der Restfamilie. So sind die Zeiten.
Auch Anne Weber, Jahrgang 1964, kennt sich aus mit Vätern; sogar von Übervätern ist des öfteren die Rede in ihrem neuen Buch "Besuch bei Zerberus". Die Autorin hat in Paris Literatur(wissenschaft) studiert und ist daher – durch die Väter des Postrukturalismus - mit der wichtigsten Hinterlassenschaft des Patriarchats vertraut: der symbolischen Ordnung der Sprache. Ihr Buch ist auch deshalb ein Vaterbuch, weil es hauptsächlich von Sprache und Schreiben handelt und vom Wunsch einer Tochter, frei und erwachsen zu werden durch das Schreiben. Durch die eigene Sprache zu sich selbst finden: die Geschichte einer klassischen "emancipatio". Ein eher altmodisches Unterfangen, inspiriert von einem traditionellen Vaterbild.
Doch was heißt hier Geschichte? Anne Weber verweigert sich der Festlegung auf ein Genre sowie dem fortlaufenden Erzählen programmatisch: Einen offenen Beginn soll es geben, so verkündet sie am Anfang, und einen offenen Schluss, so am Ende des Monologs. Zwischendrin mäandern die Worte ohne die Bande des Romans, der Erzählung oder des Essays im Niemandsland, durchstreifen Gegenwart und Vergangenheit/Kindheit, missachten Zeit- und Ortsgrenzen, werden verfolgt, gestellt und wieder freigelassen; geraten ins Philosophieren, verlaufen sich in abstrakte Klischees und fangen sich wieder in surrealer Verschrobenheit und lyrischer Gegenständlichkeit. Schließlich hangeln sie sich an einem brüchigen Faden entlang, aus dem sich so etwas wie ein Inhalt entspinnt: Da sitzt jemand Tag für Tag an einem Fenster, vor einem weißen Blatt und will schreiben, sich der Sprache anvertrauen, sich ins Unbekannte führen lassen. Inspirationen gibt es viele, weil es, geht man nur einigermaßen sensibel ans Werk, auch im Resonanzraum des eigenen Kopfes viel zu sehen und hören, zu erinnern und zu phantasieren gibt. Doch das Glück, sich den unendlichen Windungen des Gedankenstroms zu überlassen, ist kurz: Die Worte verweigern sich, wollen sich auf dem Blatt nicht zu Sätzen fügen, nicht das Letzte preisgeben. Sie führen nicht zur erwünschten existentiellen Fremdheit.
Die Grenzerfahrung aber, die letzten Dinge, die das Gegenteil sind von der Gewissheit eines beschriebenen Blattes, sind die eigentliche Begierde der Schreibenden. Die befindet sich offenkundig nicht nur in einer Schreib-, sondern auch in einer Lebenskrise. Und macht sich auf aus dem stillen Kämmerlein in den Süden Frankreichs, nach Cerbère, wo der gleichnamige Höllenhund über die Grenze zwischen Leben und Tod wacht. Unter seiner Führung will sie ihrer trügerischen Geborgenheit entfliehen und sich selbst als einer Unbekannten gegenüberstehen. Dort unten bei Port Bou, wo man dem Übervater ein Grab zuwies, will sie zur Wahrheit finden als schreibende Tochter.
Doch mit der Erleuchtung will es so recht nicht klappen. Und erst recht nicht mit der Befreiung von den Vätern. Das Grab des Übervaters ist bekanntlich leer. Und der leibliche Vater hatte sich, todkrank, schon zum Sterben hingelegt, da steht er plötzlich wieder auf und spukt als kunstbeflissener und weltgewandter, aber ziemlich blutleerer großbürgerlicher Intellektueller schlimmer als zuvor durch die Gedanken der Schreibenden. Nie hat er sie neben sich gelten lassen – Schmerz und Schreibantrieb zugleich für die in Sprachlosigkeit und Selbstzweifeln gefangene Tochter. Im Olymp seiner "Götter" – Benjamin, Walser, Horváth – wollte auch sie sich wiederfinden, als anerkannte Geistesgröße dazugehören zur Vaterordnung, etwas abbekommen vom Glanz der "Benjamin-Familie". Nichts fürchtet sie so sehr wie Mittelmäßigkeit. Doch das Schicksal wollte es anders. Der Vater also lebt; das Klingeln eines Telefons hat ihn wieder lebendig gemacht. War es ein Anruf der Tochter? Als beide sich treffen gegen Ende des Buchs, zieht Zerberus den Schwanz ein und die Götter versagen der Tochter den Beistand. Jetzt wird sie auf immer damit leben müssen, in den Augen des Vaters unzulänglich und nichtswürdig zu sein. Doch sie weiß auch: Dieser Schmerz hat sie zur Künstlerin gemacht. Gereift senkt die Tochter die erhobene Faust und überlässt sich dem "klaffenden Ende" des Buchs.
Offenheit, von Anne Weber immer wieder aufs Neue beschworen, ist die Chance, aber auch die Grenze dieses Textes. Zum Glück, dass der Kopf rund ist und das Denken die Richtung wechseln kann, stellt sich beim Leser recht schnell Verdruss ein. Zu oft suggeriert die belesene Autorin, sie sei die Vordenkerin zentraler Erkenntnisse der Geistesgeschichte. Kaum ein Thema, das sie nicht, munter dahinplappernd, populärphilosophisch ergründet: die tägliche Mühsal der Lebenden und ihre geheimen Wünsche nach Grenzüberschreitung; die "Machthabenden", die des Nachts in Cerbère die (falschen) Sehenswürdigkeiten beleuchten; Kinder ("Ein Kind ist ein Wesen, das den Abschied kennt."); Fauna und Flora ("Die Tiere sind von jeher die Überlegenen."); Raum und Zeit ("Das Weltall ist ein Kind, das ausprobiert, wie weit es gehen kann".); Sonne, Mond und Sterne, Geburt und Tod ("Vieles fällt einem zum Himmel ein, wenn man sich einmal die Mühe gibt, über ihn nachzudenken."). Anne Weber will in den Erscheinungen des Kosmos wie in einem offenen Buch lesen, hierin den literarischen Übervätern der Romantik und der Naturmagie in kindlicher Ehrfurcht verbunden. Viel zu oft jedoch kommen die Rätsel, die die Natur der umherschweifenden Betrachterin aufgibt, als Antworten statt als Fragen daher, ist die Absicht der Autorin zu spüren, auch weniger erleuchteten Lesern mit kleinen Lektionen großzügig auf die Sprünge zu helfen – ein Unterfangen, das am laufenden Band Déjà vus produziert. Allzu frei von jeglichem ironischen Gestus, entbehren diese Betrachtungen vor allem der Leichtigkeit oder des Zitatcharakters als einer rettenden Distanz: Anne Weber nämlich will persönlich hinter der monologisierenden Tochter stecken und hat auf die Erfindung eines fiktiven Alter Egos verzichtet. So muss man diesmal ihr selbst und kann nicht etwa einer erfundenen Ida - Ida erfindet das Schießpulver (1999) - über weite Strecken des Buchs belehrende Altklugheit vorwerfen. Wäre sie doch als folgsame Tochter dem Gebot eines anderen Übervaters gefolgt und hätte von dem geschwiegen, worüber man nicht reden kann!
An den Stellen jedoch, wo der Gedanke gleich Ausdruck ist und nicht ins Erklären kippt, an der Schattengrenze zur Poesie, kommt Anne Webers eloquentes Buch dem Rätselcharakter eines schönen Textes nahe und löst die eigene Forderung nach Offenheit ein: "Manchmal, nach langem Alleinsein, platzt das Glück ins Dasein hinein: hinten, auf erhöhtem Platz über der Straße schwebend, in einem halbleeren Bus sitzen und durch einen dunklen, von Sonnenstrahlen durchzogenen Wald fahren. Es ist nicht zu heiß und nicht zu kalt; eine Frauenstimme auf Band sagt die nächste Haltestelle an, die gleichzeitig in Leuchtschrift über dem Gang erscheint: Rübezahlweg." An Leerstellen wie dieser bleibt es dem Leser selbst überlassen, kreuz und quer zu denken, sich von Vätern und Übervätern, gleich welcher Art, zu befreien und das zu erahnen, was dieses Buch auch sein könnte: Projektionsfläche eigener Entwürfe und fantastischer Träume.
Anne Weber aber, so scheint es, hat ihre Leser nicht so recht mit der Wucht dieser Grenzerfahrung konfrontieren wollen.

(Anne Weber: Besuch bei Zerberus, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2004)

 





 
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