Sabine Göttel  
 
 
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CREMANT UND WEISSWURST

Aus der Traum – Der SR-Tatort startet mit jungem Ermittlerteam in eine neue Ära

Freche Töne aus dem äußersten Westen der Republik: Der vom Saarländischen Rundfunk produzierte Tatort wurde runderneuert. Nach dem Weggang von Kommissar Max Palu hat man einen Kollegen aus Bayern an die Spitze der Saarbrücker Mordkommission verpflichtet. Und dieser Franz Kappl "aus dem Reich" ist nicht nur jung und erfolgsverwöhnt, sondern bringt auch jede Menge frischen Wind in die saarländische (Medien)Enklave.
Der Neue kommt ursprünglich vom Theater und hat an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München eine fundierte Schauspielausbildung erhalten. Seit 2002 gehört der 27jährige Maximilian Brückner zum festen Ensemble des Münchner Volkstheaters; seit 2004 spielt er den "Mammon" in der Jedermann-Inszenierung der Salzburger Festspiele. Im Kino konnte er vor allem im preisgekrönten Drama Sophie Scholl – die letzten Tage überzeugen. Für die Darstellung des aus Saarbrücken stammenden Mitglieds der Widerstandsgruppe Weiße Rose, Willi Graf, wurde er für den Spezialpreis des Adolf-Grimme-Preises nominiert. Brückner ist auch beim Tatort nicht ganz neu: Sein Debüt gab er 2005 als Zimmermannslehrling in der BR-Folge Tod auf der Walz. Seine Rolle als Kommissar Franz Kappl charakterisiert er so: "Kappl ist ein ehrgeiziger Polizist, der in kürzester Zeit seine Ausbildung geschafft hat. Er ist eher ein Analytiker und versucht immer, Emotionen aus dem Spiel zu lassen. Leider verlässt er sich selten auf seinen Bauch."
Die vom SR verfügte Verjüngungskur hat dem Traditionsformat Tatort (die erste Folge aus dem Saarland ging bereits 1970 über den Bildschirm) in vielerlei Hinsicht gut getan - so scheint es wenigstens nach der ersten Folge mit dem sprechenden Titel Aus der Traum. Erdacht wurde sie von Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer (Drehbuch) und in Szene gesetzt von Regisseur Rolf Schübel (Gloomy Sunday). Vor allem die Figur des Stefan Deininger – gespielt von Gregor Weber – profitiert von der radikalen "Personalentscheidung" des Senders. Ist ein psychologisch fein austariertes Ermittlerteam mittlerweile unverzichtbarer Bestandteil der meisten ARD-Tatort-Produktionen, blieb Stefan Deininger aus dem Saarland lediglich braver Stichwortgeber und Gelegenheits-Sidekick des auf allzu schrullig getrimmten Kommissars Palu. Humorvolle Situationen, emotionale und private Momente zwischen den Kollegen, die den Fällen oft erst die richtige Würze verleihen, waren von dieser Konstellation nicht zu erwarten. Umso erfreulicher, dass dies jetzt anders zu werden verspricht: Der unerwartete Konkurrenzdruck und die Enttäuschung über die ausgebliebene Ernennung zum Chef der Abteilung zwingen Deininger alias Weber dazu, endlich Farbe zu zeigen. Nun darf auch er sich zu Wutausbrüchen hinreißen lassen oder einen Verdächtigen mal hart anfassen – was umso verständlicher erscheint, wenn ausgerechnet eine umschwärmte Kollegin das Mordopfer ist…
Auch das Team um die beiden Kommissare wurde erweitert und aufgewertet: Ab jetzt wird man es regelmäßig mit Horst Jordan und Ben Urs von der Spurensicherung (Hartmut Volle und Fabian Winiger) sowie mit der geheimnisvollen Gerichtsmedizinerin Dr. Rhea Singh (Lale Yavas) zu tun haben. Und selbst Teilzeitsekretärin Gerda Braun (Alice Hoffmann) darf hoffen: Unter Max Palu das zuweilen etwas zu grob geratene Sandkorn im Getriebe der Ermittlungen, übergibt ihr der neue Chef schon mal die Koordination eines Falles und adelt sie mit charmantem Augenaufschlag zur "Madame Maigret". Aus der Frau kann noch was werden! Wusste man im Großraumbüro der Saarbrücker "Moko" bei Croissants und Lyoner Wurst bisher genau, was vom anderen zu erwarten ist (Max Palus Eheprobleme lösten sich meist bei einem raffinierten französischen Diner), sind ab jetzt wieder Überraschungen möglich: Kappl selbst gibt sich zwar betont kopfgesteuert, doch geheimnisvolle Anrufe des Vaters auf dem Handy und wehmutsvolles Tubaspiel machen neugierig auf noch zu entdeckende Seiten seiner Persönlichkeit.
Apropos Maigret: Der frankophile Touch der bisherigen Folgen mag ja für viele Ortsfremde poussierlich sein – mit der saarländischen Realität hat er so viel zu tun wie das Steinhuder Meer mit der Nordsee. Kein Mensch grüßt sich in Saarbrücken mit "Salut!" oder radelt mit Baguette und Beret am Saarufer entlang. Die Welt des Saarlandes ist zwar klein, und jeder kennt tatsächlich so gut wie jeden (was die Ermittlungen sicher vorantreibt), doch war und ist das kleinste deutsche Flächenland offen für jede Form von Austausch und Veränderung – man betrachte nur einmal seine wechselvolle Geschichte. Dass der neue Tatort das saarländische Lokalkolorit bedient, ohne in Klischees und Postkartenmotive abzudriften, kann der Sache nur gut tun. Verheißungsvolles Zeichen wachsenden Realitätsseinfalls: Die aktuelle Tatort-Mannschaft ist aus dem pittoresken Ambiente des pseudo-historischen Saarbrücker Schlosses in einen gesichtslosen 60er Jahre Verwaltungsbau umgezogen: Ein genialer Coup.
Feiern bei Cremant und Weißwurst: Dieser verheißungsvollen Kombination von saarländischer Gelassenheit und bayrischem Selbstbewusstsein sind noch viele spannende Drehbücher zu wünschen.

(Juni 2006)

 





 
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