Sabine Göttel  
 
 
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MAY I ASK YOU A QUESTION?

Compagnie Fredeweß im November 2005 zu Gast in Valletta (Malta)

Die Warnung ist deutlich: In Malta sei kaum jemand mit modernem Tanz vertraut. „Nach und nach versuche ich“, so Tony Cassar Darien, der künstlerische Direktor des Manoel Theatre in Valletta, wo wir auftreten werden, „die Malteser mit neuen, zeitgenössischen Formen des Theaters bekannt zu machen.“ Grinst und zwinkert dabei in seiner unnachahmlich schlitzohrigen Art.

Nicht nur an den Rändern Europas – der Inselstaat Malta wurde 2004 in die EU aufgenommen – ist moderner Tanz noch weitgehend terra incognita. Zugegeben: Wie für uns dieses Land. Malta – das ist, wenn’s hoch kommt, eine Jugenderinnerung: Malte – douze points. Oder machte sich damals jemand ernsthaft die Mühe, anlässlich des Grand Prix d’Eurovision de la Chanson den Atlas aufzuschlagen? Das erste also, was uns in den Sinn kommt, als wir unser Englisch für die Reise aufpolieren, ist: Where the fuck is Malta?

Während wir Italien überfliegen, lichtet sich die Wolkendecke. Bald wird die Küste von Sizilien sichtbar, und der Sinkflug beginnt. Nur noch ca. 100 km sind es bis zum Flughafen von Luqa, wo wir von einer Vertreterin des Deutsch-Maltesischen Gesellschaft, auf deren Einladung wir hier sind, abgeholt und ins 15 km entfernte Valletta gebracht werden. Ein warmer, meerfeuchter Wind begrüßt uns, als wir die Gangway betreten. Frühling im November!

Das Manoel Theatre bzw. Teatru Manoel – untereinander sprechen die Maltesen Malti, das zu 70% aus arabischen und 30% aus englischen und französischen Anteilen besteht – versteckt sich hinter einer der unzähligen prächtigen historischen Straßenfassaden der Hauptstadt Valletta, die zum Weltkulturerbe zählt. Es ist das älteste noch ständig bespielte Theater Europas (eingeweiht 1732). Seine barocke Pracht verschlägt uns den Atem. Im Laufe der Tage wird den Tänzern vor allem der Staub, der unablässig von den weiß gekalkten Wänden auf und hinter der Bühne schwebt und sich auf dem Tanzteppich breit macht, das Atmen schwer machen. Aber wir haben Glück: Die nimmermüden Helfer des Theaters verschließen sich auch drei Wünschen täglich nicht, doch bitte den Tanzteppich nass zu wischen…

Wir residieren im gleichen Gebäude in der Theaterwohnung, ach was, im Theaterpalast! Und essen fürstlich im Café der Deutsch-Maltesischen Gesellschaft, die im Messina Palace untergebracht ist; er gehörte einst Napoléon. Überhaupt ist alles hier Palast und verströmt die Aura vergangenen Reichtums und eherner Noblesse. Dafür sorgten seit dem 16. Jahrhundert die Ritter des Johanniter-Ordens, die sich vom karitativen Dienst schnell verabschiedeten, um zum lukrativeren Raubrittertum und mafiösen Methoden überzugehen. Das alles im Namen des Christentums und des Hl. Johannes, dessen Enthauptung in der monumentalen St. Johns Cathedral von Caravaggio dargestellt ist. Das einzige Gemälde, das den Namenszug des Meisters trägt - mit dem Blut des Johannes geschrieben!

Die Zeit für ein touristisches Rahmenprogramm allerdings ist denkbar knapp. Gleich am Abend unserer Ankunft wird uns ein todesmutiger Fahrer in mörderischem Tempo und durch gewöhnungsbedürftigen Linksverkehr quer über die Insel nach Naxxar fahren. Dort hat John J Schranz, Doktor der Philosophie von Bologna und kompromissloser Liebhaber der schönen Künste, im Keller seines Hauses ein Studio eingerichtet, in das er Künstler aller Sparten zur Präsentation ihres Werkes einlädt. Zweimal sind wir bei ihm zu Gast. Beim ersten Mal lernen 17 tanzbegeisterte junge Menschen die Grundlagen des Compagnie-eigenen Mouvement Research in einer zweistündigen Workshop- und Trainingseinheit. Und am Tag vor der Aufführung gibt es ein so genanntes …inprogress – Meeting; eine von John initiierte Reihe, bei der Künstler den Prozess der Entstehung ihrer Kunst offen legen. Tänzer und Dramaturgin zeigen also – anhand von Ausschnitten aus dem aktuellen Programm und im besten Englisch, das sie aufbieten können, wie eine Choreografie in der spezifischen Bewegungssprache der Compagnie entsteht. Es gelingt wunderbar, dank der Aufmerksamkeit und der Zugewandtheit der Malteser, und John revanchiert sich euphorisiert mit einer Einladung zum Pizzaessen im Küstenort St. Julians. Was heißt, dass wir um 24 Uhr noch auf der Terrasse einer Pizzeria über dem Meer sitzen und mit Victor, John und seiner Gattin Marlene, einer ehemaligen Schauspielerin, über Kunst philosophieren. Weinselig stellen wir die These auf, dass man zwar alles für den Erfolg, aber nichts für das Glück tun kann (John beginnt seine Sätze meist mit einem suggestiven May I ask you a question?) und betrachten, zum letzten Mal vor der Premiere, entspannt und hoffnungsfroh die Lichter der Festung Valletta…

Ansonsten steht täglich hartes Training an. Das eigens für den maltesischen Auftritt unter dem Titel Body Motion zusammengestellte Programm – ein Querschnitt durch verschiedene künstlerische Produktionen der Compagnie, die möglichst viele Facetten der Arbeit von Hans Fredeweß und Natascha Hahn zeigen soll -, muss den speziellen Bedürfnissen der Bühne des Manoel angepasst werden; in der Sprache der Tänzer heißt das Spacing. Gleichzeitig wird Techniker Sören Nyhuis gemeinsam mit den hiesigen Kollegen für die fehlerfreie Einrichtung von Licht und Ton sorgen. Das alles in einem vom rührigen Geschäftsführer des German Maltese Circle, Victor H Sammut, punktgenau aufgestellten Zeitplan, der unter allen Umständen eingehalten werden muss, weil die französische Compagnie ja ebenfalls die Bühne benötigt. Der Dramaturgin fällt indessen die Aufgabe zu, die gesamte Truppe mit Lebensmitteln zu versorgen (es gibt hier, o Wunder, nur Tante-Emma-Läden mit strikt einzuhaltender Siesta!), Gruppen, die durch das Theater geführt werden, um Verständnis zu bitten, dass gerade geprobt werde, bei der Einrichtung der Lichtstimmungen zu beraten und im letzten Augenblick doch noch durchzusetzen, dass das Programm angesichts eines in puncto Moderner Tanz jungfräulich gebliebenen Publikums mit sinnigen, per Power Point auf den Rundhorizont projizierten Zwischentiteln bestückt wird. Zusätzliche Arbeit für Sören, der sie, wie immer, verantwortungsvoll und ohne zu murren angeht…

Daneben hat sie während des schweißtreibenden Trainings ein bisschen Zeit, Tony Cassar Darien zu besuchen und sich mit ihm über seine Arbeit zu unterhalten. Der Artistic Director residiert, wie kann es anders sein, in einem hochherrschaftlichen Büro über dem mit Palmen- und Springbrunnen bestückten Innenhof des Manoel. Die Frage, ob man als Veranstalter die darstellenden Künste eher auf traditionelle Art präsentieren und sich über gefüllte Zuschauerreihen freuen sollte statt das (finanzielle) Wagnis einzugehen, auf der großen Bühne und nicht nur in Nebenprogrammen Verstörend-Zeitgenössisches zu bieten, treibt ihn unablässig um. Alles, was den Kunstbetrieb in Mitteleuropa seit langem beschäftigt, erreicht die Insel mit Verspätung, aber es kommt bestimmt. Zum Beispiel das Thema Vernetzung: „Ich plane, für bestimmte Produktionen die Theater unserer Nachbarstaaten aus dem südlichen Mittelmeerraum ins Boot zu holen“, sagt Tony und bekommt glänzende Augen. „Kontakt habe ich bereits mit Kollegen aus Zypern, Griechenland, der Türkei und natürlich aus Italien aufgenommen und bin auf großes Interesse gestoßen.“ Bisher bietet das Manoel einmal im Jahr ein von der Bank of Valletta gesponsortes Opernfestival, das Darien demnächst ebenfalls mit wenigstens einer gewagten Inszenierung verjüngen möchte. „But listen“, flüstert Tony und steht John J Schranz in puncto Suggestivität in nichts nach, „could you please tell me: Sind zeitgenössische Kunstwerke nicht viel eher dem Verfall, dem Verlust ihrer Bedeutung unterworfen als klassische?“

Am Abend der Aufführung füllt sich das Manoel zu etwa 50%; bei einem Platzangebot von 500 ist das schon was. Außerdem hat der Tanzabend, zu dem auch eine zweiköpfige französische Compagnie mit einem Stück eingeladen ist, das auf einer Erzählung von Louis Aragon beruht, starke Konkurrenz in der Stadt: Neben den abendlichen Gottesdiensten in den zahlreichen, auch von jungen Menschen fleißig frequentierten Kirchen stehen in der St. Johns-Kathedrale heute Melodien von Andrew Lloyd Webber auf dem Programm, da muss man natürlich hin! Doch allen Warnungen zum Trotz wird Body Motion freundlich aufgenommen; man schmunzelt hörbar über die Zwischentitel, es gibt Szenenapplaus für die Tänzer, und auch die französischen Kollegen werden tapfer beklatscht. Hinterher, bei Sekt und Häppchen, sind wir mit den neu gewonnenen maltesischen Freunden schon richtig vertraut, und wir ernten viel Lob für unsere Leistung. Aber: Haben wir mit unserem Auftritt zur Horizonterweiterung bei all den Maltesen beigetragen, die sich nicht Tag für Tag mit Kunst und Kultur beschäftigen wie Tony, Victor und John? Did we touch the mind, did we touch the heart? Anders gefragt: Where the fuck is Malta? Wir werden es wohl nie erfahren.





 
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