Sabine Göttel  
 
 
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KÜSSEN ERLAUBT!

Wie Moderner Tanz Schülerinnen und Schüler begeistert

Lange bevor sich Zukunftsforscher und Rentenplaner des Themas bemächtigten, war der demografische Wandel bereits in deutschen Theatern Anlass für existentielles Wehklagen: Die Theaterbesucher sterben aus! „Damit auch morgen noch ein Publikum für Theater- und Konzertveranstaltungen vorhanden ist“, so der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann pragmatisch, müssten jetzt „Maßnahmen ergriffen werden, um junge Menschen für Kunst und Kultur und speziell für das Theater zu begeistern.“ Die Kulturpolitik hat’s vernommen und unterstützt nun verstärkt Initiativen, die jungen Menschen Zugangschancen zu allen Formen der Kunst eröffnen sollen. Im Rahmen der allerorts auferlegten Sparmaßnahmen, versteht sich. Paradox, dass das Heil nun von einer Sparte zu kommen scheint, die bei Kürzungsdebatten stets den Kürzeren zieht: Vom Tanz – genauer gesagt: vom Modernen, zeitgenössischen Tanz.

Als Lichtgestalt fungiert der britische Tänzer, Choreograf und Tanzpädagoge Royston Maldoom, der seine social dance – Projekte in England und anderen Teilen der Welt seit ca. 30 Jahren erfolgreich durchführt und nun ganz verwundert ist, dass die Deutschen plötzlich einen solchen Hype um ihn machen. Spätestens seit dem Film Rhythm’ is it! ist nämlich auch hierzulande klar, dass der Tanz sich hervorragend dazu eignet, Kinder und Jugendliche für Kunst und Kultur zu begeistern. Dabei ist die Entwicklung sozialer Schlüsselkompetenzen mehr als nur ein Nebeneffekt: Moderner Tanz kennt keine Sprachbarrieren; er trainiert Belastbarkeit und Durchhaltevermögen, fördert Kommunikation und Toleranz, weil er Einfühlungsvermögen und Teamfähigkeit erfordert. Kurz: Er erweitert die interkulturelle Akzeptanz. Neben dem Einsatz in Schulen scheint er deshalb auch für die Optimierung der Stadtteilkulturarbeit bestens geeignet. Und überhaupt sei der Körper, so Royston Maldoom, „ein wunderbares Instrument“. Das macht Mut. Nur: Wer hat, an den etablierten Theatern wie in der Freien Szene, schon so viel Personal, Logistik und Finanzmittel zur Verfügung, um öffentlich wirksame und medienkompatible Mammutprojekte à la Rhythm’ is it! auf die Beine zu stellen?

Seit Herbst 2005 ist auch die Hannoveraner Compagnie Fredeweß verstärkt in Sachen Moderner Tanz unterwegs. Neben dem künstlerischen Betrieb haben Hans Fredeweß, Natascha Hahn und Sabine Göttel ein mobiles Stück entwickelt, das sich an Schülerinnen und Schüler aller Altersgruppen und Schulformen richtet. Küssen erlaubt! bietet amüsante, irritierende Erlebnisse und oftmals erste Entdeckungen zum Thema Tanz. Was ist Bewegung? Kann man Tanz lernen? Was ist eine Choreografie? Nach einer Vorführsequenz und einem moderierten Teil, in dem einzelne Passagen im Dialog zwischen Künstlern und Publikum erklärt werden, haben alle die Möglichkeit, sich unter Anleitung der Tänzer selbst zu bewegen. Schließlich kann man die Künstler in einer Abschlussrunde direkt zu ihrem Metier befragen. All das nicht in einer perfekten Aufführungssituation, sondern im Probenraum der Compagnie oder in der schuleigenen Turnhalle: ohne Bühnenbild und Lichteffekte und mit nur minimal ausgestatteter Tonanlage; ohne die übliche Distanz zwischen Zuschauerraum und Bühne, auf Tuchfühlung mit den Tänzern.

Auf diese Weise trafen Tänzer und Dramaturgin an bisher 15 Vormittagen auf gutwillige Lehrer, begeisterungsfähige Grundschüler („Besonders gut gefallen hat mir, dass ich den Tänzern was vorgetanzt habe.“ Mathilda, 10), abgeklärte Gymnasiasten und renitente, aber charmante Hauptschüler („Echt cool - ihr seid ja richtige Profis!“ Suleiman, 16). Alle erlebten hautnah mit, dass Kunst Spaß macht, mitunter aber ziemlich anstrengend sein kann. Wer bei den choreografisch eingesetzten Kussgeräuschen permanent kicherte („Mir hat das viele Küssen nicht gefallen.“ Jonas, 9), wer sich zunächst weigerte, die Schuhe auszuziehen oder Tanzen als „schwul“ bezeichnete, der applaudierte den schwitzenden Akteuren dann doch aufrichtig und bemühte sich sogar, das komische Küssen in die eigene Improvisation einzubauen. Eine Anerkennung für die Leistung der Tänzer, für das ernsthafte Bemühen, auch unerfahrenen Zuschauern ihr Bestes geben zu wollen.

Respekt ist wohl das Zauberwort – auf beiden Seiten. Sich gegenseitig ernst nehmen – für die einen ist es der ungeteilte künstlerische und körperliche Einsatz, für die anderen können das schon 60 Minuten Aufmerksamkeit ohne Handy sein. Dazu gehört auch, dass die Compagnie kein „Kinderstück“ im Sinne vereinfachter Bewegungsfolgen präsentieren, sondern lediglich den Zugang zu ihrer Kunst, nicht die Kunst selbst, einfacher machen will. Das künstlerische Niveau halten; zeigen, dass professioneller Einsatz Freude macht: Küssen erlaubt! lässt sich eher in den Bereich der Kunstvermittlung als in den der Tanzpädagogik einordnen.

Und die Finanzen? Bisher wurde Küssen erlaubt! anteilig aus Fördermitteln von Stadt und Land sowie aus Zuwendungen der FLUXUS-Initiative finanziert; eine Einzel-Akquise bei Schulen und Sponsoren gestaltet sich schwierig. Trotzdem ist für den Herbst ein neues Projekt geplant. Klein aber fein geht’s weiter: Zu Jean Sibelius’ Valse triste erzählen Jugendliche aus Hannoveraner Schulen unter anderem, was von Frieden, Sport und E-Musik zu halten ist.

www.compagnie-fredewess.de




 
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