Sabine Göttel  
 
 
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DIE SEELE FÜTTERN

Bevor sich Pe Werner mit selbst geschriebenen Songs wie „Kribbeln im Bauch“ und „Geld zurück“ in der deutschen Popszene einen Namen machte, begeisterte sie ihr Publikum bereits als Entertainerin. Mit ihrem Soloprogramm „Eine Nacht voller Seligkeit“, mit dem sie nun auch in Oldenburg Station macht, kehrt Pe Werner zu ihren kabarettistischen Wurzeln zurück und präsentiert eine unkonventionelle Geschichtsstunde voller musikalischer und darstellerischer Highlights. Sabine Göttel sprach mit dem Multitalent über Deutschland und seine Frauen und Männer.

Frau Werner, nach Ihrer Live-CD „Liebhaberstück“ aus dem Jahr 2004 arbeiten Sie jetzt sicherlich an neuen Songs. Gibt es bald eine neue CD?

Ich habe ein Hörbuch produziert. Es heißt „Dichtungen aller Art“ und wird Anfang nächsten Jahres erscheinen. Auf der CD lese ich aus meinem Buch „Mehr als Kribbeln im Bauch“; außerdem enthält sie acht Songs, davon zwei Neukompositionen. Im März 2006 werde ich dann mit musikalischen Lesungen daraus unterwegs sein.

Was erwartet die Zuschauer am 10. Dezember in Oldenburg?

In Oldenburg präsentieren wir ein anderes, ein kabarettistisches Programm: „Eine Nacht voller Seligkeit“ ist eine autobiografische Zeitreise, die musikalisch einmal durch das Jahrhundert, durch Deutschland und durch mein Leben führt - deutsche Geschichte anhand meiner Biografie von der Erfindung des Tonfilms bis heute.

Sie erzählen die große Geschichte in der kleinen.

Als ich begann, das Programm zu konzipieren, war ich fasziniert von den alten Schlagern, die man wirklich noch Schlager und Gassenhauer nennen durfte, von Zarah Leanders „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben“ über „Mein Bruder macht im Tonfilm die Geräusche“ oder „Egon, ich hab ja nur aus lauter Liebe zu dir ein Glas zuviel getrunken“. Dabei wurde mir klar, dass ich diese Geschichte sehr nah an meiner eigenen Biografie entlang erzählen kann. Meine Eltern kommen aus dem Osten, mein Großvater war in Frankreich Kriegsgefangener, meine Großmutter in Dresden Trümmerfrau, mein Vater ist vor dem Mauerbau mit dem Motorrad in den Westen abgehauen. Das heißt, ich kann von der Kindheit bis nach der Wende die deutsche Geschichte mit meiner eigenen verknüpfen. Besonders reizvoll ist, dass auch die Moderationen in Schlagertiteln erzählt werden. Im Programm gibt es also insgesamt 1000 bis 1500 Schlagertitel, die geschickt aneinandergereiht werden.

Damit sprechen Sie sicherlich ein breites Publikum an.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele junge Leute in das Programm kommen und es gut finden. Man könnte ja denken, da erzählt jemand von früher, das ist etwas für alte Menschen. Die sind natürlich auch begeistert und fühlen sich abgeholt, weil sie das alles kennen, aber die jungen finden es genauso interessant.

Eine tolle Form von alternativem Geschichtsunterricht!

Ja! Und es ist ein zeitloses Programm, das auch nach vielen Auftritten seine Frische behalten hat. Ich werde von Peter Grabinger am Flügel begleitet und kann mich auch mal wieder in meinen alten Wurzeln als Entertainerin und Kabarettistin bewegen. Das ist etwas anderes als die Popmusik. Man hat als Künstlerin viel mehr Möglichkeiten, sich schauspielerisch und stimmlich auszutoben. Die Flügelbegleitung macht Flüstern und Hauchen möglich, und ich schlüpfe in verschiedene Rollen. Es macht einfach sehr viel Spaß.
Dieses Programm werden wir immer spielen: Es ist sozusagen unser kleines As im Ärmel.

Sie beeindrucken immer wieder mit einer großen künstlerischen Bandbreite.

Dadurch, dass ich auch für andere Künstler schreibe – gerade habe ich für das aktuelle Album von Katja Ebstein geschrieben – merke ich immer wieder, wie privilegiert ich bin, dass ich mir alles selber ausdenken und selbst gestalten kann. Das ist wirklich ein Traumberuf.

Machen Sie sich in ihren neuen Songs auch Gedanken über Deutschland?

Ständig. Ich habe mich noch nie als politische Sängerin im eigentlichen Sinne verstanden, aber ein Land ist immer auch so gut oder so schlecht wie die Menschen, die in ihm leben. Deshalb interessiert es mich schon immer zu erzählen, wie es Menschen geht in ihrem eigenen Leben und in ihren Geschichten.

Nach sieben Männern steht mit Angela Merkel nun eine Frau an der Spitze des Staates – werten Sie dies als einen späten Sieg der Frauenbewegung?

Nein. Ich sehe das vollkommen „unfrauenbewegt“. Männer und Frauen sind für mich gleichberechtigt, und deshalb hätte ich mir an der Spitze Deutschlands einen anderen Politiker gewünscht. Frau Merkel bekommt von mir keine Bonus-Punkte, weil sie eine Frau ist, das finde ich albern. Es ist natürlich an der Zeit, dass mehr Frauen in führende Positionen kommen; insofern hat diese Wahl eine Signalwirkung. Klar ist aber auch, dass Frau Merkel es doppelt schwer hat und immer damit zu kämpfen haben wird, dass sie nun einmal eine Frau ist; aber das kennt man ja aus vielen anderen Bereichen auch.

Wie schätzen Sie das Verständnis von Frau Merkel bzw. der Großen Koalition für die Kunst und die Künstler ein? Wird sich an der Situation der Künstler in unserem Land Entscheidendes verändern?

Nein. Ich denke eher, dass die Etats noch mehr gestrichen werden. Ich denke, Frau Merkel hat sich auf die Fahnen geschrieben, dass sie die Wirtschaft sanieren möchte, was nach außen hin betrachtet auch vernünftig ist. Aber es war schon immer ein Bedürfnis der Menschen, gerade dann, wenn es ihnen sehr schlecht ging, auch die Seele zu füttern und nicht nur den Geldbeutel. Und das kann eben nur die Kunst und die Musik.

Ist Weiblichkeit überhaupt ein Thema, wenn es um Macht geht? Welche Eigenschaften muss eine erfolgreiche Frau heute haben?

Ich glaube, dass Frauen den Männern per se überlegen sind, weil sie in der Lage sind, Empathie zu entwickeln. Weil sie kommunikativer, in Verknüpfungen, denken. Weil sie auch in führenden Positionen noch in der Lage sein können, Ohren zu haben und ganz viele Augen für Zusammenhänge in Teams, für Mitarbeiter. Es wäre also kein Gewinn, wenn Frauen ihre Macht in der gleichen Form ausleben würden wie Männer, also an der Karriere orientiert.

Viele Männer kommen mit dem Erfolg ihrer Frauen nicht zurecht und brechen deshalb sogar ihre Beziehungen ab. Haben Sie als erfolgreiche Künstlerin ähnliche Erfahrungen gemacht?

Ich habe gerade eine Liebesbeziehung hinter mir, in der ich genau dieses Gefühle hatte. Ein Mann, der sagt, er möchte ein Gegenüber haben, und eine Frau, die auf gleicher Augenhöhe sein möchte mir ihrem Partner – aber dann merkt die Frau: Der Mann bekommt Angst, wenn er eine starke Frau an seiner Seite hat. Vielleicht ist das etwas Archaisches. Männer sagen heute: Unsere Rolle ist nicht definiert. Wir sollen auf der einen Seite die Starken sein, dann sollen wir wieder weich sein. Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen. Seit Kriegsende, seit die Frauen ihr eigenes Geld verdienen und unabhängig geworden sind, ist die Rolle des Retters nicht mehr so gefragt oder des alleinigen Ernährers der Familie. Dem Mann fehlt offenbar das Selbstbewusstsein zu sagen: Ich fühle mich gut als Mann, weil mich so eine tolle, unabhängige Frau als Partner gewählt hat. Das ist ein spannendes Thema, sich zu fragen: Was ist das für eine Angst? Vielleicht die vor Kontrollverlust und Hingabe. Frauen sind eher in der Lage, sich hinzugeben und sich zu öffnen, weil sie schon so erzogen sind.

Sie gelten als “Spezialistin“ in Sachen Beziehungen. Hat sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren Entscheidendes geändert?

Meine Theorie ist: Liebe ist schön, macht aber viel Arbeit. Dieses Gefühl, sich zu lieben, steht nicht dafür, dass die Beziehung auch funktioniert. Für die meisten Männer aber haben Liebe und Arbeit nichts miteinander zu tun. Da gilt es umzudenken. Und die Frauen wiederum haben die Aufgabe zu sagen: Man muss nicht alles ausdiskutieren. Der Mann ist eher so beschaffen, dass er nicht reden möchte und lieber in den Garten geht, die Hecke schneiden. Als Frauen können wir dazulernen, indem wir etwa unsere Freundinnen heranziehen, und die Männer müssen gesprächsbereiter werden. Ich glaube, es muss Annäherung und Öffnung von beiden Seiten geben.

Angesichts dieser Beziehungsarbeit: Ist Alleinsein für Sie eine echte Alternative?

Ich war nach meiner frühen Ehe und meiner Scheidung sehr lange Singlefrau. Für mich war diese Zeit zuallererst ein Gewinn und die Chance, zu mir als Einzelmensch zu kommen. Mein Leben für mich zu gestalten, war wie ein Befreiungsschlag. Alleine zu sein und sich nicht einsam zu fühlen, hat für mich eine ganz hohe Qualität. Nichtsdestotrotz merke ich, dass ich nicht dafür bestimmt bin, auf immer alleine zu bleiben. Es geht mir nicht darum, gerettet zu werden, oder dass ich diese viel zitierte Schulter zum Anlehnen haben möchte, sondern dass ich die schönen Dinge teilen will, die Dinge des Alltags, beispielsweise das gemeinsame Essen.

Themenwechsel: Wie erklären Sie sich den Boom der deutschsprachigen Popmusik?

Er ist zum einen natürlich von der Industrie gesteuert. Vielleicht hat man festgestellt: Neue Deutsche Welle, das hat ja damals auch ganz gut geklappt. Ein oder zwei aufstrebende Bands haben viel Erfolg gehabt, und dann wird eben alles unter Vertrag genommen, was eine Gitarre halten kann und deutsch singt. Aber vielleicht findet gerade wieder ein Wandel statt hin zu einer eigenen Identität. Denn es gibt noch immer viele Menschen, die sagen: Ich kann deutsch Gesungenes nicht hören. Bei amerikanischen Produkten müssen sie nicht nachdenken; man versteht den Text nur halb, aber es klingt so schön und stört nicht beim Bügeln und Autofahren und kann den ganzen Tag als Hintergrundgedudel laufen.

Vertrauen Sie darauf, dass sich Qualität mit der Zeit durchsetzt?

Ich hoffe besonders, dass sich die Qualität verbessert, denn dass es momentan eine Schwemme deutschsprachiger Musik und Künstler gibt, heißt nicht automatisch, dass die Qualität stimmt. Ich unterrichte an der Popakademie in Mannheim und beobachte Folgendes: Früher wollten die Mädchen Schauspielerin und Fotomodell sein, heute wollen sie Popstar werden. Das hat auch mit diesen ganzen Casting-Shows zu tun; da wird glauben gemacht, dass man nur Vorsingen muss, und schon kommt man in ein Trainingslager und wird reich und berühmt. Die Qualität ist aber nicht entsprechend.

Ist „Deutschland sucht den Superstar“ in Mannheim ein Thema?

Ein Thema für junge Menschen, die Musik machen, ist auf jeden Fall, dass sie gehört und gesehen werden wollen. Und da sagen eben viele: Wenn das auf diesem Weg möglich ist, setze ich mich auch einem Herrn Bohlen aus; Hauptsache, ich kann zeigen, was ich kann. Für Menschen, die wirklich etwas können, ist das sicher eine Möglichkeit. Und es werden auch immer wieder junge Menschen mit Talent dort entdeckt, wie z.B. Juliette Schoppmann, eine sehr begabte junge Sängerin, die ich morgen bei der Benefizveranstaltung der Deutschen Aids-Hilfe für das Lebenshaus in Köln treffe.

Wie inspiriert sie Ihre Arbeit mit Nachwuchskünstlern an der Popakademie?

Um ehrlich zu sein: Wenig. Es gibt nicht so viele wirklich große Talente. Mich inspirieren eher junge Autoren. Menschen, die Bücher schreiben, die etwas zu erzählen haben.

Sie sind seit fünf Jahren mit einer festen Band unterwegs. Welche Vorteile hat eine stabile Gemeinschaft aus Künstlern für Ihre Arbeit?

Es ist schön, weil man die Ecken und Kanten des anderen kennt. So entsteht eine vertrauensvolle Ebene. Wenngleich ich im Moment fast dazu neige, wieder umzubesetzen. Man bewegt sich leicht im immergleichen musikalischen Fahrwasser, und es tut gut, auch mal wieder frisches Blut hineinzubringen.

Ist Routine der künstlerischen Arbeit abträglich?

Routine als Professionalität ist für mich ganz wichtig; aber nicht Routine als Gewohnheit. Das langweilt mich.

Ist es schwierig, gute Musiker zu finden?

Nein. Deutschland ist voll von guten Musikern. In Hamburg z. B. gibt es eine Fülle von Musikern, die die Musicals bespielen, die aber mit eigenen Projekten nicht genug verdienen, um ihre Miete bezahlen zu können.

Planen Sie irgendwann eine Fortsetzung Ihres Buches „Mehr als Kribbeln im Bauch“? Es ist ja ungewöhnlich, dass eine so junge Frau schon ihre Autobiografie schreibt.

Darüber habe ich noch nicht ernsthaft nachgedacht. Aber ich glaube, ich würde mich eher an Kurzgeschichten wagen. Angefangen habe ich bereits damit. Dieses Songschreiben ist ja eine sehr komprimierte Form. Mich hat schon immer fasziniert: Wie bringe ich in vier Worten oder in vier Zeilen eine Emotion auf den Punkt? Und beim Buchschreiben habe ich gemerkt: Das ist ja eine richtig schöne Herausforderung, wenn ich Platz habe und mich blumiger ausbreiten kann, wenn ich über diese komprimierte Versform hinaus schreibe. Das gilt es, auszuprobieren.

Gibt es schon Ideen, was Themen und Inhalte betrifft?

Ich glaube, es wären schon auch Frauengeschichten, die viel mit mir zu tun hätten. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass mein Protagonist ein Mann ist und ich versetze mich in ihn hinein. Ich würde sicher mit meinen Augen schauen. Mir schwebt ein leichtes, freches Stück Frauenliteratur vor.



 
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