Sabine Göttel  
 
 
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NOTORISCH UNZEITGEMÄSS

Am 17. Februar 2006 jährt sich der Todestag des großen deutschen Dichters Heinrich Heine zum 150. Mal

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ – „Die Loreley“, geschrieben 1823, ist hierzulande das wohl bekannteste Gedicht Heinrich Heines. Obwohl sein Autor im Nationalsozialismus zu den ‚verbrannten Dichtern’ gehörte, blieb es  – mit der Bemerkung „Dichter unbekannt“ versehen – in deutschen Schulbüchern vertreten: Man stufte es als politisch harmlos ein. Doch das „Märchen aus alten Zeiten“, das seinem Autor „nicht aus dem Sinn“ kommt, ist der Klageruf eines deutschen Emigranten und entbehrt keineswegs einer gewissen Sprengkraft.

Heinrich Heine, am 13. Dezember 1797 als ältestes von vier Kindern eines reichen jüdischen Kaufmanns in Düsseldorf geboren, geht bis heute der Ruf voraus, ein unbequemer Dichter zu sein. Ein Ereignis von europäischem Rang war er bereits zu seinen Lebzeiten; die Lyriksammlungen „Buch der Lieder“ und „Romanzero“ machten ihn grenzüberschreitend berühmt. Für die Franzosen, bei denen er eine zweite Heimat fand, war er der Inbegriff des deutschen Intellektuellen; seine Meinung hatte auch in politischen Fragen Gewicht. In Frankreich bewunderte man seinen unerschrockenen Kampf gegen Vorurteile, Herzensträgheit und Denkfaulheit; die Deutschen aber betrachteten ihn als Ärgernis. Sich zu Heine zu bekennen, hat zum Teil noch heute eine provokative Note: Der Autor gilt als notorisch unzeitgemäß, als ein deutscher Sonderfall.

Flucht aus Deutschland

Bereits dem jungen Heine ist jede reaktionäre und nationalistische Gesinnung fremd. 1825 konvertiert er, der sich nie mit seiner jüdischen Herkunft identifizierte, aber unter dem wachsenden Antisemitismus zu leiden hat, zum Christentum – auch, um seine Integration in das europäische Geistesleben zu befördern. Er ist ein glühender Verehrer Napoleons. 1831 schließlich, nach einem Jura-Studium in Göttingen und Berlin, verlässt er das restaurative Deutschland in Richtung Frankreich. Seine Erkenntnis: „Und bleibst du auch im Vaterhaus, / Wirst doch wie in der Fremde sein“. Diese „Flucht“ verzeihen ihm die Deutschen nicht; sie beschimpfen ihn als „Judenlümmel“ und „Französling“. Im Pariser Exil muss er erfahren, dass seine Schriften in der Heimat verboten werden, weil sie angeblich „das Heiligste verspotten“ und „die Religion angreifen“. Der impulsive Heine kommentiert dies in schneidendem Ton: „Ja, man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt worden“.

Das Leben in Frankreich sichert dem Autor einerseits einen unbestechlichen Blick von außen auf die Zustände in seiner Heimat, beschert ihm andererseits aber Einsamkeit bis zur Isolation. Wie vor ihm keiner und wie nach ihm nur Kurt Tucholsky, betrachtet Heine sein Heimatland, das er nur noch sporadisch besucht, voll Hass und Hohn; er arbeitet sich daran ab wie an einer unglücklichen Liebe.
1843 reist er von Aachen nach Hamburg, um dort seinen Verleger zu treffen, immer in der Gefahr, aufgegriffen und verhaftet zu werden. Seine Erfahrungen verarbeitet er im berühmten Gedichtzyklus „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Er nennt es zynisch ein „höchst humoristisches Reise-Epos“.

Zwischen allen Stühlen

Heinrich Heine sitzt in jeder Hinsicht zwischen den Stühlen. Als überzeugter, kämpferischer Individualist ist ihm die Freiheit des Individuums höchstes Gebot, die Einhaltung der Menschenrechte die primäre Aufgabe jeder Epoche. Trotz beißender Sozialkritik versteht sich Heine jedoch nie als Anarchist oder Revolutionär im ideologischen Sinne. Im Gegenteil: Obwohl er durch seine Gespräche mit Karl Marx, den er in Paris kennen lernt, mit den neuen kommunistischen Ideen in Berührung kommt und die Notwendigkeit einer zukünftigen „Herrschaft des Plebejers“ (Hans Mayer) bejaht, lehnt er sie als Künstler kategorisch ab. So setzt er sich selbstlos für Benachteiligte ein, äußert sich aber mit aristokratischer Überheblichkeit über die Masse: „Es ist durchaus nicht bildlich, sondern ganz buchstäblich gemeint, dass ich, wenn mir das Volk die Hand gedrückt, sie nachher waschen werde…“.

Auch sein Werk steht jenseits der Religionen, Weltanschauungen und gesellschaftlichen Systeme. Er korrespondiert mit den politisch engagierten Schriftstellern des „Jungen Deutschlands“, ohne sich als einer der ihren zu begreifen; er berührt die Epoche der Romantik, ohne ganz in ihr beheimatet zu sein. Und doch gelten viele Gedichte Heines als Inbegriff deutscher romantischer Lyrik. Nach romantischen Rezepten geschrieben, wahren sie jedoch die Distanz der Ironie und stellen sich der Realität. Heine besang Natur und Liebe euphorisch, war sich aber immer bewusst, dass ein idealer Zustand nicht lebbar sein würde: Er dichtete mit gebrochenen Flügeln. Damit bezeichnete er den Beginn der modernen Lyrik: „Doch Lieder und Sterne und Blümelein, / Und Äuglein und Mondglanz und Sonnenschein, / Wie sehr das Zeug auch gefällt, / So macht’s doch noch lang keine Welt“.

Bitterkeit und Sehnsucht

Schon lange vor der Austreibung des Geistes durch die Nationalsozialisten war Heines Stellung im Kanon der deutschen Literatur umstritten. Um jedes Denkmal, um die Benennung von Universitäten und Plätzen gab es langwierige kulturpolitische Diskussionen. „Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist“, schrieb der geistesverwandte Tucholsky 1929. Obwohl die Deutschen „Die Loreley“ und viele andere Lieder Heines - von Schubert, Schumann, Mendelssohn, Brahms und Wolf vertont - stolz als Kulturgut präsentierten, blieb ihnen ihr Autor immer suspekt. Die Deutschen und Heine, eine unglückliche Hassliebe, schwankend zwischen Bitterkeit und Sehnsucht: „Und als ich euch meine Schmerzen geklagt, / Da habt ihr gegähnt und nichts gesagt;/ Doch als ich sie zierlich in Verse gebracht, / Da habt ihr mir große Elogen gemacht.“ Nach acht Jahren in der „Matratzengruft“, in denen er sich die Freiheit nahm, wieder an Gott zu glauben, starb der an einer rätselhaften Rückenmarkserkrankung leidende Heine am 17. Februar 1856 in Paris. Seine letzten Worte zu Ehefrau Mathilde: „Gott wird mir verzeihen, das ist sein Beruf.“

 

Heinrich Heine: Sämtliche Schriften, hg. Von Klaus Briegleb, dtv
Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, illustriert von Hans Traxler, Reclam
Heinrich Heine: Mein Leben. Autobiografische Texte, Insel
Kerstin Decker: Heinrich Heine. Narr des Glücks, Biografie; Propyläen
Edda Ziegler: Heinrich Heine. Der Dichter und die Frauen, Artemis&Winkler
Jörg Aufenanger: Heinrich Heine in Paris, dtv



 
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