Sabine Göttel  
 
 
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HASE UND IGEL

Klaus Haag: fuchskehren. gedichte, Rhein-Mosel-Verlag 2008 (Edition Schrittmacher Band 18)

Der Dichter Klaus Haag ist ein gebildeter Mann. Als promovierter Germanist, Anglist und Philosoph bewegt er sich sicher in der abendländischen Literatur- und Kulturgeschichte; als Schreibender hat er bislang rund 30 eigene Publikationen vorgelegt, die sich aus diesem Wissen speisen. Philosophie und Literaturwissenschaft - festes Fundament oder Hypothek für das eigene Dichten? Während der philosophische Diskurs sich durch Reflexion und Abstraktion auszeichnet, verlangt die Poesie eher nach Gegenständlichkeit und Konkretisierung. Dass sie die Seele ohne Umwege sucht und findet, indem sie das Gefühl als direkten Ausdruck gibt, hat sie der kopflastigen Philosophie voraus. Ein philosophierender Dichter und dichtender Philosoph bewegt sich im Spannungsfeld zwischen erahntem und umzingeltem Sinn, zwischen eigentlichem und uneigentlichem Sprechen. Klaus Haag, so scheint es, ist sich dieses Dilemmas durchaus bewusst. Seinem neuen Gedichtband fuchskehren stellt er programmatisch ein Wort des französischen Mathematikers und Philosophen Blaise Pascal voran: Es ist viel schöner, von allem etwas zu wissen, als von einer Sache alles zu wissen.

Nach winterwölfe (2004) und Die Dischbumb (2006) nun also ein Band mit 74 neuen und überarbeiteten Gedichten, die der Autor in fünf Kapitel zu je 14-16 Texten zusammenfasst. Die Kapitel, die hier Zyklen heißen, tragen schöne neuschöpferische Namen wie affengeld, schattengold oder nachtschau; auch das titelgebende fuchskehren sucht man vergeblich bei Google. Auf den Naturbezug vieler Texte verweist schon das Buchcover: Ein Fuchsgesicht neben einem schneebestäubten Tannenzweig fixiert den Betrachter. In den Gedichten ist von Morgentau und Auenwäldern die Rede, von "der frühe des mais" (zeitflucht), von Spaziergängen durch nebliges Gelände oder auf "herbstliche(r) wildkräuterstraße hinab zum nächtlichen ententeich" (nordostdorf), von stürmischen Lüften und feuchten Meeresfelsen, von Hähern und Kormoranen, Zikaden und Pferdebremsen - und eben von Füchsen im "hohen sommernadelwald" (Titelgedicht fuchskehren), auf der Suche nach "beute für den nachwuchs" (dorthin).

Unversehrt sind Klaus Haags dichterische Reservate zwischen Nordsee und Mittelmeer, zwischen Lübeck und Lyon jedoch nicht. Mit Folgerichtigkeit und geradezu alttestamentarischer Wucht kippt die vermeintliche Idylle in surreale, albtraumhafte Szenerien. An Werner Herzogs visionären Film Aguirre, der Zorn Gottes erinnert das Gedicht stundenbuch. Darin treibt eine Gruppe von Menschen "auf hölzernen flößen geschnürt" einen Fluss hinunter - begleitet von den Rufen "düsterer" Vögel und im Visier nicht näher bezeichneter Verfolger, die "giftige Pfeile" abschießen: "wir riefen die psalmen wir riefen nach salbung/nach gnade um rat". Doch vergeblich: "wir fühlten die gifte die schwindenden sinne die brechende/iris". Ähnlich lebensbedrohlich zeigt sich die Natur auch in uferpfad. Darin wird das lyrische Ich zur Beute von "greifen", die sein "fleisch" fressen und nicht nur das Land, sondern alles Leben "verwüsten". Die Zivilisation aber ist keine Schutzinsel. Neuzeitliche Metropolenbewohner zappeln "in den schrotgeschirren/der locksprachen/aus den mächtigen antennentürmen/gefangen zerschossen gesäuert" (entdenken), während "die marken des unheils" sich unverbrämt auch im Arbeitsleben zeigen: "im anzug/die meister sie fahren im paternoster nach oben"; eine "brut aus der hölle" (erwerb). Von der Freiheit des Individuums kann in den Büros der dem Mammon huldigenden Industriebosse keine Rede mehr sein: "es wächst dein rudervolk in den galeeren" (managermanege). Bedrohung und Feinde allüberall in diesen Gedichten. Doch wer ist hier Täter, wer Opfer?

Ließe der Autor diesen düsteren Visionen ihr lyrisches Existenzrecht, begnügte er sich mit der reinen Bestandsaufnahme abseitiger Erfahrung und schräger Regungen der Seele und bliebe es bei der Registrierung, beim unkommentierten Blick in die Nachtseite des Menschen - man ließe sogar die artifiziellen Volten seiner Sprache gelten, mit denen er das "fegefeuer" (botschaften der dunkelheit) oder "glühendlügende höhen", (mare griphus), den "atemwind der Götter" (sing dein lied), die "bücher des seins" (weiler) und allzu oft auch den Genitiv beschwört. Doch leider hat Klaus Haag sich den ‚Kehren’ verschrieben. Alles ist hier Bild, alles ist Metapher – und darf es nicht bleiben. Der verrätselte lyrische Sinn muss ans Licht gezerrt und philosophisch ‚entborgen’ werden. Die Flöße sind keine Abschussrampen in die Untiefen unser aller Psyche, sie transportieren speziell die gemarterten "bringer des wortes des heils", die durch Feinde von außen dem Untergang geweiht sind. Hyänen und Greife sind keine Wildtiere, die ihrem Instinkt folgend Beute jagen; es sind bösartige Kreaturen, die eine "frühe revolte" des schreibenden Ichs grausam beenden. Und der junge Fuchs tappt so naiv-unschuldig und "frei von Furcht" durch den "sommernadelwald" wie ein junger Poet – nur der erfahrene Autor weiß, dass "die höhenflüge jählings enden", oder, schlimmer noch, dass "jäger lauern oberhalb" (fuchskehren).

In nordostdorf heißt es: "Wir träumten wie alle poeten von freiheit & land/(...) & einer sagte er spüre förmlich den weitewelthorizont aber da/kamen sie schon mit den wehmutsdolchen und erstachen uns/nun wir aber hungrig mit satzschwertern bewaffnet schwebten/über ihnen und spuckten auf ihre blitzenden harnische". Opfer und Täter, Freund und Feind: Wortgewaltig variiert Klaus Haag das Schema "wir" gegen "sie" durch alle fünf Zyklen des Bandes. "Wir", das sind die Hohepriester des geschriebenen Worts – Schmerzensmänner und –frauen, die sich, stellvertretend für alle Dichter und Denker, "im paradies der eifrigen dummköpfe" (entdenken) einerseits gegen die "masse" und "hundertschaften" betrickster Gaffer (zauberhüte) zur Wehr setzen müssen, andererseits den Diktatoren trotzen im sicheren Bewusstsein ihrer intellektuellen Überlegenheit ("sie"): "wir sind elite/unsere metaphern überleben/die versprochene kürze des lebens/den profit das gold die käfige & steinbauten" (einige dichter im 21. jahrhundert). Das lyrische Wir nimmt hier, um im Bild zu bleiben, den Blickwinkel des Hasen ein, der bei wiederholter Auseinandersetzung mit dem schlaueren, überlebenstauglicheren Igel zu dem immer gleich frustrierenden Ergebnis kommt: Auf den Sieg der Gerechtigkeit kann er in diesem Leben nicht mehr hoffen. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Die meisten Gedichte in fuchskehren sind überlagert vom Ton der Elegie. Aus Klaus Haags Klage über verhärtete Herzen und gepanzerte Seelen, über Verderbtheit, Unbelehrbarkeit und andere Sündenfälle des modernen Menschen spricht die zornige Trauer über den Verlust der Sinnstiftung durch Aufklärung und Poesie. Aus deren Erlösungsversprechen ist nur noch die Sehnsucht nach dem richtigen im falschen Leben übrig geblieben. Die "zögling(e) der revolten", erleuchtet vom Geist von Woodstock, mögen, Bob Dylan sei Dank, "auch mit den ausgehaltnen/jahren noch immer protestler" sein (margeaux mitsouko & ich). Erschöpft sich ihre Renitenz jedoch im litaneihaft repetierten Freund-Feind-Schema, ist das nur schwer auszuhalten. Und so wäre die Zerknirschung nicht nur des Dichters, sondern auch des Lesers unabwendbar, gäbe es in den fuchskehren nicht einige wenige Gedichte wie oxymoron, abschied und vergleich. Opfer und Täter treiben hier einmal nicht ihr Unwesen; das Unvereinbare ist vielmehr Anlass zu (Sprach-)Spiel und fröhlicher Kulturkritik, die die Differenz als Ort der Poesie feiert, statt sie zu beklagen: "wärst du wie ich & ich wie du wär diese welt die meine/ (...) alles was uns ausmacht bliebe leer die fantasie erst recht die uns/zertreibend fügt du wärst nur eins in zwei & ich wär wie/die bindeschlucht die uns zerfügt & auseinanderschweißt" (vergleich).

 

 





 
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