Sabine Göttel  
 
 
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UND KEINE FRAGE OFFEN!

Über Florian Henckell von Donnersmarcks Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“

Armer Florian Henckell von Donnersmarck! So jung, so begabt – und schon so selbstherrlich! Man hört und staunt in der Talkshow 3nach9, dass sich der neue Liebling der deutschen Filmbranche seit seinem 13. Lebensjahr mit Freud und der Psychoanalyse beschäftigt (oh je), und dass ihm die Idee zu seinem allseits bejubelten Regieerstling mal so eben zwischendurch kam - ein Musenkuss, sollen wir glauben, der ihn als jungen Spund bereits an der Filmhochschule in den Rang des Genialischen erhob. Kein Wunder, wenn sich der Filmhüne – flankiert von der allerersten Garde der deutschen Schauspieler – so rein gar nichts mehr sagen lassen will: Für seinen ersten abendfüllenden Spielfilm „Das Leben der Anderen“ hat er so viele Preise und Ehrungen eingeheimst, dass ihm der Erfolg Recht gibt. Soll doch ein ehemaliger Lehrer ruhig daherkommen und seine Filmmusik geschmäcklerisch als zu sentimental kritisieren (immerhin hat sie ein begehrter Hollywood-Komponist erdacht); soll doch ein unbequemer Ostschauspieler sein frühes Meisterwerk als „Polit-Schmonzette“ denunzieren (der höhnt doch nur die Opfer der SED-Diktatur): Da hört er schon gar nicht mehr hin. Augen zu und durch zum Kassenerfolg! Das künstlerische wie ethische Gewissen des Herrn von Donnersmarck scheint bereits in jungen Jahren zu Granit erstarrt.

Leider. Dabei würde es dem Jung-Regisseur gut tun, sich die Argumente seiner – wenigen? – erfahreneren Kritiker mal in Ruhe anzuhören, ohne gleich altklug die moralische Keule zu schwingen. Zugegeben, einen wendigen Gesprächstaktiker kann man Schauspieler Henry Hübchen nun wirklich nicht nennen. Aber endlich, endlich traut sich mal jemand, vom Chor der Donnersmarck-Proselyten abzuweichen und längst fällige Wahrheiten auszusprechen. Zum Beispiel ist aus Hübchens kauziger, chaotischer Beweisführung diejenige Tatsache herauszukristallisieren, dass dieser Film neben einer historischen auch eine Wahrheit als Kunstwerk zu transportieren hat. Und an der einen ist so wenig zu rütteln wie an der anderen. Donnersmarck hat die 40jährige DDR-Historie auf einen spielfilmkompatiblen pseudohistorischen Moment im Jahr 1984 zusammengeschmolzen. Die Kritik an der Unstimmigkeit einzelner Fakten ist bekannt. Was schwerer wiegt: Dieses Konglomerat aus historischen (Un)Wahrheiten präsentiert Donnersmarck mit hollywoodesken Mitteln, die sich ganz und gar in den Vordergrund drängen: zu Typen vereinfachte Charaktere, zu Klischees generalisierte, allzu durchschaubare Handlungsfolgen, zu bombastischen Wallungen aufgeblähte Gefühlslagen. Das Ganze verdüstert von einer Wolke aus Selbstgerechtigkeit: Der Regisseur und sein Team meinen es verdammt ernst mit sich und ihrem Engagement für die Verfemten und Verfolgten. Und sie wollen, dass das Publikum ebenso empört ist über diese Ungerechtigkeit, anstatt über ihre Bedingungen und Funktionsweise nachzudenken.

Ja, Henry Hübchen hat Recht: Der Film ist – an vielen Stellen – unerträglich sentimental und moralinsauer. Einiges mag, im Sinne des stimmigen Gesamteindrucks, dabei sogar noch durchgehen. Doch sein Schluss – der kann nun wirklich nicht wahr sein. Der Schriftsteller nämlich bedankt sich bei seinem ehemaligen Peiniger mit einer persönlichen Widmung im neuesten Bestseller. Worauf der moralisch geläuterte und zur Strafe für seine Menschlichkeit im vereinten Deutschland zum Austräger von Werbeblättern degradierte ehemalige Führungsoffizier ab dato von noch weniger als Sozialhilfe wird leben können: von Luft, Liebe und innerem Leuchten. Ein Happy End, das keine Fragen offen lässt. Spekulation bleibt allerdings, auf welchen Lehrer, auf welchen besserwisserischen Dramaturgen Henckell von Donnersmarck da mal wieder nicht gehört hat – schade, er hätte diesen typischen Anfängerfehler vermeiden können. Und Hübchen reibt sich die Hände: Sollte es mit den MfS-Schergen doch nicht so schlimm gewesen sein?

Ganz klar, dass ein sentimentaler Moralist wie Henckell von Donnersmarck und seine „Berater“ nichts mit der schlitzohrigen und sarkastischen Intellektualität anfangen können, mit der die Dissidenten um Frank Castorf auf den Terror des MfS reagierten. Und völlig unverständlich, dass die deutsche Filmakademie diesen netten Streifen und seinen Regisseur in einer Art Preisakkumulation selig spricht – auf Kosten anderer, mindestens gleichwertiger, aber weniger kassenwirksamer Filme. Geradezu ärgerlich aber, wenn man an den scharfen, unbestechlichen Intellekt und die elegante künstlerische Zurückhaltung eines Dominik Graf („Der rote Kakadu“) oder Hans-Christian Schmid („Requiem“) denkt.



 
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