Sabine Göttel  
 
 
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MAIKÄFER

     Ich stand am Ufer und hatte Angst. Angst um Marian.
     Er tauchte einfach nicht mehr auf. Auf seinen dünnen Beinen war er in den Teich gewatet; zitternd, die Arme vor der Brust verschränkt und ohne sich umzudrehen. Immer weiter war er ins frühsommerlich kühle Wasser gelaufen, bis ich ihn kaum noch sehen konnte. Dann stiegen ein paar Blasen auf, und dann war er weg.
     Ich stand da mit einer Gänsehaut unter dem Badeanzug und starrte auf die Stelle, an der er verschwunden war. Wieso hatte ich Angst um Marian? Ich konnte Marian nicht leiden. Marian war ein Jahr älter, und Marian war hässlich.

     Marian war schlecht erzogen. In der Pause stand er auf der Schulhofmauer und pinkelte auf den Misthaufen von Bauer Klein. Dabei sang er „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ und zeigte seine eklige Zahnlücke. Von braunen Stummeln umgeben, kam die bestimmt nicht von spät ausgefallenen Milchzähnen, sondern stammte von verlustreichen Kämpfen mit ebenbürtigeren Gegnern. Mit Klaus, Christian und Thomas wollte Marian nichts zu tun haben. Er schlug sich lieber mit den Jungs aus der fünften Klasse.
     Marian war hässlich. Hier und da kräuselte sich eine Locke aus den fettigen Haaren in die Stirn; seine Haut war blass, fast durchsichtig, und die zahlreichen Sommersprossen wuchsen hinter den Brillengläsern zu schmutzigen Flächen heran.
     Marian trug eine Brille und konnte kaum lesen und schreiben. Ich dagegen war schön und eine gute Schülerin.

     Er bekam den letzten freien Platz im Klassenzimmer, unseren Notsitz gewissermaßen, und dass der hinter dem Kamin für den Schulofen lag, schien Marian nicht weiter zu stören. Meistens saß er da und schaute aus dem Fenster, und wenn es kalt war, zog er seine Brille aus, legte den Kopf neben sie auf die kamingewärmte Schulbank und schlief.
     „Richtige Glasbausteine“, lästerte Klaus, der auch keine Brille trug.
     Klausens Eltern hatten eine Menge dieser schicken Glasziegel in ihrem neuen Haus verbaut, und auch wir hatten welche, sogar bunte waren dabei. Mein Vater setzte sie nach Feierabend eigenhändig ein, als wir einen Teil des Flurs im ersten Stock für ein Bad abtrennten. Dann hatten wir sogar ein zweites Klo und mussten nicht mehr in den Keller gehen.
     Aber damals wohnte Marian noch nicht bei uns im Dorf. Er war erst aufgetaucht in der Zeit, als mein Vater den Kohleherd durch einen modernen Ölbadeofen ersetzte und wir samstags keine Plastikwanne mehr in die Küche stellen mussten.

     Nach den Sommerferien stand Marian neben Lehrer Müller vor den beiden Klassen und grinste.
     „Das ist Marian“, sagte Lehrer Müller. „Er geht ab heute in die vierte Klasse.“
     Klaus stieß mich von hinten an. „Der ist doch bestimmt viel älter als wir und geht in unsere Klasse?“ flüsterte er.
     „Komischer Name“, sagte Annette, die neben mir saß.
     „Sein Vater kommt aus Polen“, sagte Andrea.
     „Quatsch, Polen liegt doch in Russland, und da ist eine Mauer aus Eisen drumrum, da kann keiner rüber“, meinte Christian.
     Klausens Mutter wusste besser Bescheid.
     „Der Marian, das ist ein Kind von der Maria. Er hat bis vor kurzem bei seinem Vater in Süddeutschland gewohnt, und jetzt hat ihn die Maria zu sich genommen, weil sein Vater zurückgegangen ist in die Ostzone“, sagte sie an Klausens zehntem Geburtstag und schob uns ein weiteres Stück Obstboden auf den Teller.
    „Der Marian ist ein armer Junge“, sagte sie noch. „Seht zu, dass ihr ein bisschen nett zu ihm seid.“
    Nett sein zu Marian? Nett sein zu einem, der zu uns überhaupt nicht nett war?

    Dass er uns blöd fand, schlimmer noch, dass wir in seinen Augen Babys waren, war klar. Wir fanden es toll und unheimlich böse, in der Hexennacht Senf auf Türklinken zu schmieren oder Lehrer Müller zu Fasching ein Furzkissen unterzulegen; aber Marian gab uns zu verstehen, dass er das für Kinderkram hielt. Er, der ältere und wagemutigere, hantierte mit Feuer – etwas, das uns strengstens verboten war. In der Erntezeit waren auf Bauer Lehmanns Wiese vorm Dorf zwei Heuballen angezündet worden und brennend den Hang hinunter gerollt. Und dann, als es schon kälter wurde, brannten drei Säcke mit Müll auf Wehmeyers Baustelle. Während jedes Mal die Freiwillige Feuerwehr vom Spritzenhaus ausrückte und mit tatütata durchs Dorf raste, stand schon ein Polizeiwagen vor Marias Haus. Und jedes Mal saß Marian am Tag danach wieder hinter dem Kamin und schaute aus dem Fenster, und in der Pause sang er noch lauter von der Oma im Hühnerstall und pinkelte so demonstrativ auf den Misthaufen, dass man seinen Schniedel sehen konnte.
    „Ich glaube, mich tritt ein Pferd“, rief Klaus und tippte mit dem Finger an die Stirn. Ich nahm an, dass er so etwas meinte wie, dass Marian wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

    Das Haus, in dem Marian wohnte, stand zusammen mit ein paar anderen an einer Stelle, die man im Dorf die Teufelsinsel nannte. Marias Haus war das kleinste und hässlichste, und es gehörte nicht ihr. Sie hatte kein Geld für ein eigenes Haus und musste Miete bezahlen. Sie hatte auch kein Geld, die winzigen Fenster durch welche aus schwarzgoldenem Metall zu ersetzen, wie das im Dorf jetzt fast alle taten. Oder sich neue schwarze Ziegel aufs Dach setzen zu lassen, das windschief fast bis zum Boden reichte. Im Sommer stand die hölzerne Eingangstür immer offen, auch spätabends oder nachts, und aus dem Haus drang Dämmerlicht.
    Wenn es warm war, saß Maria schon morgens mit Lockenwicklern zwischen den Hühnern im Hof, stopfte Strümpfe, hängte Wäsche auf oder las. Dabei trug sie nur eine Küchenschürze und hielt eine Zigarette in der Hand. Außer Maria hatte ich noch nie eine Mutter gesehen, die rauchte! Oder einen lockigen Pferdeschwanz trug. Den hatten nur Mädchen in meinem Alter, wie ich manchmal, aber ohne Locken. Meine Mutter trug die Haare kurz und ließ sich vom Friseur im Nachbardorf Dauerwellen machen.
    Marias Haus lag direkt neben dem Milchhäuschen; und wann immer ich daran vorbeikam, ob frühmorgens auf dem Weg zur Schule oder nachmittags mit der Milchkanne in der Hand, kam laute Musik von drinnen. Oft war es ein Schlager, den wir Letkiss nannten, und obwohl uns auch die Erwachsenen nicht sagen konnten, ob das Lied nun etwas mit Kies zu tun hatte oder nicht, und obwohl auf der Platte noch nicht mal einer sang, legten wir es auf jedem Geburtstag auf und tanzten Twist. Dazu drehten wir die Hüften und schraubten uns mit angewinkelten Knien zum Boden hinunter und wieder hoch, bis wir Seitenstechen bekamen. Maria jedenfalls schien Letkiss auch zu mögen und vielleicht tanzte sie zuhause alleine dazu Twist; dass Marian mit seinen X-Beinen mitmachte, konnte ich mir nicht vorstellen. Noch nicht mal, dass er überhaupt tanzte. Ich hatte ihn noch nie tanzen sehen; auf die Geburtstagsfeste unserer Klasse wurde er nicht eingeladen.

    Einen echten Polen hatte ich auch noch nicht gesehen. Aber wie Marians Vater aussah, wusste ich ziemlich genau, denn ich begegnete ihm öfter in meinen Träumen. Groß und bärtig, angetan mit einem Umhang aus den Fellen wilder Tiere und mit einer Pelzmütze auf dem dunklen Haar, jagte er auf seinem Rappen durch die russische Prärie, geradewegs auf eine eiserne Wand zu, die Pferd und Reiter mühelos überwanden. Dann zwinkerte er mir noch kurz zu und verschwand mit Indianergeheul im endlosen Staub der Ostzone.
    Schwarz war die vorherrschende Farbe dieser grandiosen Auftritte. Sie machten mir Herzklopfen und stellten alles in den Schatten, was noch vor kurzem von rosa Prinzessinnen und hellblauen Prinzen bevölkert gewesen war.

    Wenn ich am Morgen nach so einem Traum zu Marian hinüberschaute, der mal wieder hinter dem Kamin schlief, fiel mir auf, dass er dem feurigen Steppenreiter überhaupt nicht ähnlich sah. War der Pole überhaupt Marians Vater? Was, wenn auch Maria nicht seine Mutter war, er überhaupt keine richtigen Eltern hatte? Eine Mutter, die ihn samstags nach dem Bad in einen frischen Schlafanzug und duftendes Bettzeug steckte? Einen Vater, der ihm am Teich aus Schilf Flöten schnitzte? Und schon gar keinen Großvater, der ihn zu den Pferden an der Flussweide mitnahm? Vielleicht bekam Maria ja viel Geld dafür, dass sie sich um Marian kümmerte, weil sie doch eine Frau war und schon so alt wie meine Mutter, aber immer noch keine Kinder hatte.
    „Irgendwas geht da nicht mit rechten Dingen zu“, sagte Klaus eines Tages.
    Nicht mit rechten Dingen, was meinte er damit? Ich wunderte mich, woher er diesen Ausdruck schon wieder hatte. Klaus war eigentlich ganz ok, ein bisschen dick vielleicht, aber ein guter Schüler. Seine und meine Eltern luden sich gegenseitig zum Grillen ein; und Klaus und ich sollten nach der Vierten aufs Gymnasium gehen, als einzige aus der Klasse.
    „Meine Mutter sagt, Maria ist überhaupt nicht verheiratet.“
    Das wusste ich, von meiner Mutter; aber worauf wollte er hinaus? Klaus rollte mit den Augen.
    „Na, wie kann sie da überhaupt Kinder bekommen?“
    Er hatte recht. So hatte ich die Sache noch nicht betrachtet. Marian konnte gar nicht Marias richtiger Sohn sein! Vielleicht hatte sie ihn adoptiert? Die Geschichte mit dem polnischen Reiter gewann plötzlich an Deutlichkeit. Wahrscheinlich hatte ich seine Ähnlichkeit mit Marian nicht bemerkt, weil er einen Bart trug! Klar war jetzt jedenfalls, dass Marians Vater ihn bei seinen Reisen durch den unwirtlichen Osten nicht gebrauchen konnte und Mittel und Wege gefunden hatte, ihn sich vom Hals zu schaffen. Er hatte ihn, für viel Geld, bei Maria abgeladen, die auch nicht sonderlich glücklich war, ihn am Hals zu haben, aber das Geld brauchte. Das Geheimnis um Maria und Marian begann sich langsam zu lüften.
    Aber wie ich es drehte und wendete, auch als armes Adoptivkind wurde Marian nicht schöner.

    Im Winter fing er auch noch an, durch die Zahnlücke zu spucken. Die schaumige Flüssigkeit blieb erst liegen und fraß dann ein Loch in den frischen Schnee. Marian pinkelte noch einen gelbgrünen Kreis drumrum und lief nach Hause, um seinen Schlitten zu holen. Nachdem es zum ersten Mal richtig geschneit hatte, schafften wir es ganze zwei Tage, unseren Rodelplatz vor ihm geheim zu halten; dann entdeckte er ihn und folgte uns mit dem altmodischen Ding in ein paar Metern Abstand zum Krähenberg. Ab und zu drehte ich mich nach ihm um und sah, wie er, in Gummistiefeln und eine gestopfte Strumpfhose unter der kurzen Lederhose, mal links, mal rechts in die Schneehaufen am Straßenrand spuckte.
    Am Krähenberg blieb er erst einmal stehen, spuckte und schaute zu, wie wir im tiefen Schnee die ersten Abfahrten probierten und keuchend zurück stapften. Ohne Zweifel, Marian ließ uns die Rodelbahn vorbereiten, um dann wie ein Wilder den glattpolierten Hang hinunter zu stürzen. Und während wir versuchten, Büschen und Bäumen weiträumig auszuweichen und vor dem Bach respektvoll abdrehten, sah Marian in diesen Hindernissen die größte Herausforderung seines Mutes und seiner Geschicklichkeit. Bereits nach den ersten Abfahrten zog er sich die Mütze vom Kopf und jagte hinter uns her, ohne Abstand zu halten. Es dauerte nicht lange, und er hatte so viel Tempo, dass er den Bach auf seinem Schlitten überflog. Dann zog er auch noch seine Brille aus und steuerte auf die Bäume zu, riskierte gefährliche Bremsmanöver und landete im Ufergebüsch, wo er erst einmal ausspuckte.
    Als es dämmerte und wir zurück mussten, hatten wir unsere Lastexhosen geschont, aber Marians Strümpfe hatten neue Löcher bekommen, durch die seine blasse Haut hervorschien.

    Im ersten Frühling, nachdem Marian ins Dorf gekommen war, gab es jede Menge Maikäfer. Wie jedes Jahr sammelten sie sich im Kirschbaum an der Bushaltestelle, aber dieses Mal umsurrten die Käfer die Straßenlampe zu Hunderten. Sobald es dunkel wurde, kletterten die Jungs aus der achten und neunten Klasse auf den Baum, um die Tiere zu fangen und in leeren Zigarrenkisten aufzubewahren. Dann lungerten sie tagelang an der Bushaltestelle herum und quatschten und rauchten, und die Kisten standen hinter ihnen auf der Holzbank.
    „Na, wie wär’s, wollt ihr die Monster mal sehen?“ riefen sie uns zu, wenn wir an ihnen vorbeikamen, lachten und zogen an der Zigarette.
    Ich mochte Maikäfer nicht besonders und ekelte mich sogar ein bisschen vor ihnen; aber sie taten mir leid. Völlig unbeweglich saßen sie in der Kiste, und obwohl ein paar frische Kirschbaumblätter drin waren, fraßen sie nichts. Ich hatte keine Ahnung, was weiter mit ihnen geschah; wie lange sie in ihrem Gefängnis aushalten mussten, ob man sie wieder fliegen ließ, oder ob sie da drinnen trotz Löchern im Deckel an zu wenig Licht und Luft starben. Ich wusste, dass Lichtmangel tödlich sein konnte. Großvater bestand darauf, dass ich auch bei weniger schönem Wetter zum Spielen nach draußen ging, damit ich genug Luft und Licht bekam und wachsen konnte und nicht eines Tages verschrumpelte und als Zwerg sterben musste.
    Weder Annette noch ich wagte es, nach dem Schicksal der Maikäfer zu fragen, und selbst Klaus und Christian und Thomas hielten sich zurück, denn der Maikäferfang war Sache der Älteren. Vielleicht trauten sich die Jungs aus meiner Klasse auch nicht auf den hohen Baum; und selbst wenn sie es gewagt hätten, die Acht- und Neuntklässler hätten ihr Revier mit Sicherheit lautstark und handgreiflich verteidigt.

    Eines Tages, der Platz hinter dem Kamin war vormittags leer geblieben, stand Marian mit einer Zigarrenkiste vor mir und grinste.
    „Willste mal sehen? Hab ich heute nacht gefangen“, sagte er stolz und spuckte durch die Zahnlücke.
    Wie war Marian an die Maikäfer gekommen? War er etwa wirklich auf den Baum geklettert? Und was hatten die Großen dazu gesagt?
    „Nö“, sagte ich, „ich weiß doch, wie Maikäfer aussehen.“
    „Aber das hier sind besondere“, beharrte Marian. „Ich habe sie Paul und Paulinchen getauft.“ Schon hatte er den Deckel aufgeklappt und hielt mir die Kiste unter die Nase.
    Zwei gewöhnliche Maikäfer krabbelten darin herum, nicht mal besonders groß. Auch sie waren irgendwie traurig und ein bisschen eklig mit ihren glatten Flügeln und dem spitzen Hinterleib. Und der bescheuerte Typ gab den Viechern auch noch Namen!
    „Das ist ein Ehepaar, Mann und Frau“, fing Marian wieder an und schielte schrecklich. „Schau mal, was die können!“
    Als Marian in die Schachtel griff und einen Käfer auf den Rücken des anderen setzte, sah ich, dass es wirklich ein Männchen und ein Weibchen waren, denn einer hatte viel kleinere Fühler mit weniger Blättchen dran als der andere; Großvater hatte mir den Unterschied einmal erklärt. Das Weibchen versuchte, mit dem Männchen auf den Flügeln davon zu krabbeln, und Marian lachte und spuckte durch die Zahnlücke. Ich wollte weglaufen, doch Marian hielt mich fest.
    „Warte!“
    Wieder griff er mit seinen abgekauten, schwarzgeränderten Fingernägeln in die Holzkiste und holte einen Käfer heraus.
    „Hast du so was schon mal gespürt?“ fragte er und setzte ihn mir auf den Arm.
    Der Käfer, es war Paul, hatte ein kleines, weißes Fell am Kopf. Langsam krabbelte er auf meinem nackten Arm entlang. Seine sechs Beine bewegten sich nach vorn, indem sie sich mit ihren Krallen eins nach dem anderen leicht in meine Haut drückten; es war wie ein Pieksen mit winzigen Nadeln. Die kleinen Härchen auf meinem Arm stellten sich auf, und ich bekam eine Gänsehaut.
    „Schön, was?“ fragte Marian lachend und vergaß, zu spucken.
    „Ganz ok“, antwortete ich. Als ich das komische Streicheln des Maikäfers kaum noch aushalten konnte, packte ich ihn mit zwei Fingern und setzte ihn in die Schachtel zurück. Zurück zu Paulinchen.
    „Lass die Moni in Ruhe, sonst erlebst du gleich dein blaues Wunder!“
    Klaus stand plötzlich vor Marian und drohte ihm mit der Faust.
    „Sieh mal, Moni, dein dicker Verehrer will sich vor mir wichtig machen“, rief Marian. Er lachte und schielte und spuckte dreimal durch die Zahnlücke.
    Klaus schnaubte. Plötzlich riss er Marian die Zigarrenkiste aus der Hand, schüttelte sie und öffnete den Deckel. Die Maikäfer fielen auf den Boden und flogen sofort davon. Dann gab er Marian die Schachtel zurück.
    Nur ein paar verschrumpelte Blätter waren am Holz hängen geblieben.
    Marian starrte lange hinein. Dann begann er, leise zu wimmern. Es klang so, wie unser Purzel immer vor der Tür gefiept hatte, als er noch klein war, und wir ihn nicht ins Wohnzimmer lassen durften, weil er auf die Teppiche pinkelte. Marian, mit der Schachtel in der Hand, trat von einem Bein aufs andere, jammerte und klagte unverständliches Zeug, bis sich seine Brille am unteren Rand mit Tränen füllte. Dann geriet sein magerer Körper ins Zittern, er schluchzte laut auf, warf die Kiste auf den Boden und rannte heulend davon.
    Klaus stand daneben und sagte nichts. Er hatte fest damit gerechnet, dass sich Marian endlich auf ihn stürzen würde. Er hatte auf eine vernünftige, handfeste Rauferei unter Männern gehofft, auf einen fairen Wettkampf und ein klares Ergebnis. Klaus hatte mir und den anderen zeigen wollen, dass er der würdige Kämpfer für eine gerechte Sache war. Und nun flennte dieser Idiot wie ein Mädchen und rannte einfach davon! Er konnte es nicht fassen, dass sich Marian nicht stellte; ein Kerl, der Polizei und Feuerwehr auf den Plan rief!
    Und ich verstand nicht, wie einer wie Marian wegen ein paar blöden Käfern so weinen konnte. Große, braune Käfer, die es klaglos in dunklen Schachteln aushielten, mit denen man nicht sprechen und die man nicht knuddeln konnte wie Purzel. Und wenn man sie auf die Hand setzte, stachen sie einem mit ihren Füßen in die Haut. Er konnte sich doch wieder neue fangen, wenn er wollte!
    Klaus fand als erster seine Sprache wieder. „Der Marian, das ist ein Buch mit sieben Siegeln“, sagte er und ließ mich stehen. Noch an Kauls Ecke sah ich, wie er den Kopf schüttelte.
    Ich wusste nicht, was Klaus genau gemeint hatte mit seinem komischen Buch; aber vielleicht hatte es damit zu tun, dass er katholisch war und als einziger aus unserer Klasse zur Kommunion ging.
           
    Nach der Sache mit den Maikäfern tat Marian, als seien wir Luft. Er saß hinter dem Kamin, schaute aus dem Fenster oder schlief. Und während Klaus und ich unsere Empfehlung für das Gymnasium bekamen und noch fleißiger als sonst für das Abschlusszeugnis lernten, kam Marian immer seltener in die Schule. Er fehlte ganze Tage hintereinander, und Klausens Mutter erzählte, dass er krank wäre und Maria ihn zu ihrer Schwester ins Ruhrgebiet geschickt hatte. Den Stoff der vierten Klasse würde er sowieso nicht mehr nachholen und wahrscheinlich sitzen bleiben.
    In der Zeit, als es so warm wurde, dass wir Mädchen die Kniestrümpfe mit Söckchen vertauschten und die Jungs aus der Achten und Neunten die Bänder für den Kerwestrauß knüpften, war Marian plötzlich wieder da. Eines Morgens saß er auf seinem Platz in der Klasse und grinste. Er hatte einen dicken Verband auf dem linken Auge, darüber eine schwarze Klappe wie ein Pirat; und wo die Zahnlücke gewesen war, leuchtete eine Reihe kleiner weißer Zähne. Seine Brille war nirgends zu sehen.

    Und dann kamen die letzten Schultage vor dem Gymnasium, und ich stand am Teich, als sich plötzlich zwei eisige Hände auf meinem Rücken legten. Zitternd vor Kälte stand Marian hinter mir und lachte, die nassen Unterhosen klebten auf der Haut. Dann lief er durch das hohe Gras davon, und seine knochigen Knie berührten sich fast.

 

 
  copyright © 2006 sabine göttel impressum