Sabine Göttel  
 
 
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  BAD BABY'S BED (Ausschnitt)  
  Live-Schicksale aus der Entbindungsstation

Von Sabine Göttel und Anne Klinge

Uraufführung am 8. Februar 2002 im Jungen Theater Göttingen
Regie: Anne Klinge
Dramaturgie: Sabine Göttel

Ausstattung: Valerie Busse

Geschafft! Wir Frauen haben uns doch tatsächlich als Frauen über die Schwelle des neuen Jahrtausends gemogelt. Das Zwanzigste Jahrhundert mit seinen Suffragettenkämpfen und Abtreibungsdebatten ist überstanden; und vielleicht gibt es jetzt nur noch Post-Emanzipation, Post-Feminismus und postmenstruelles Syndrom? Frauen! Lasst uns doch wenigstens das Babymachen und -kriegen noch genießen – wenn auch im rasanten Wettlauf mit Genforschung und Klonindustrie. Denn bis auf weiteres bleiben wir es, die zwischen Hausgeburt, Geburtshaus, Retorte oder Rooming-In entscheiden, und Papa darf am Stammtisch mit glänzenden Augen erzählen, wie endlich das kleine Köpfchen sichtbar wurde…
Unendliche Leiden, unendliches Glück: „Bad Baby’s Bed“ berichtet live aus der Vorhölle einer Entbindungsstation. Ob im Kreißsaal, auf den Wartebänken im Flur, in der Kaffeeküche der Hebammen, im mit meditativer Musik getränkten Kombiraum (wo Yoga für Schwangere und Geburtsvorbereitung für Paare ihr Domizil haben), oder in der Toilette (die heimlich und gierig an ihrer Zigarette saugenden Wöchnerinnen unkompliziert Asyl bietet) - überall lauern Schicksale, die es mit einem Augenzwinkern zu begleiten gilt.

 
     
  Presse  
     
     
 
 
     
 

Personen

Melanie, Floristin, Anfang 20
Maria, Pharmavertreterin, Mitte 30
Helga, Krankenschwester, Anfang 40
Gabriel, Assistenzarzt, Anfang 30
Lutz, Geburtspfleger, Mitte 20

 
     
 

Eröffnung

1. Prolog im Himmel

Gabriel hat 48-Stunden-Dienst. Er schläft auf einer primitiven Pritsche.

Der liebe Gott (tiefe Frauenstimme aus dem Off)
säuselt Gabriel! Gabriel!

Gabriel
seufzt im Schlaf. Dreht sich einmal um.

Der liebe Gott
ungehalten Mensch, Gabriel! Steh endlich auf!

Gabriel
schlaftrunken Was?

Der liebe Gott
Es gibt Arbeit.

Gabriel
gähnt Nicht schon wieder ich. Was ist mit den anderen?

Der liebe Gott
Einsatz im Mittleren Osten. Michael in Afghanistan, Raphael in Pakistan. Mann Gottes, dies hier ist dein Ressort. Verkündigung, Offenbarung, Auferstehung, Tod: Da kennst du dich aus! Genau dafür bist du engagiert. Pack dir eins deiner hundertvierzig Flügelpaare und komm in die Strümpfe!

Gabriel
Schon gut. Setzt sich auf die Bettkante und beginnt, seine Arztkluft anzuziehen.

Gabriel
Wen haben wir denn heute?

Der liebe Gott
Gerade sind drei Neue angekommen.

Gabriel
Kenn ich sie?

Der liebe Gott
Was tut das zur Sache? Willst du dich da etwa emotional reinhängen?

Gabriel
Bis zum ersten Kuss und zum zweiten Glas Wein sind wir alle sterblich.

Der liebe Gott
Entzückend. Ernster Erinnerst du dich an deine Inseminationskampagne vor 9 Monaten? Die drei wurden ausgeschlossen, weil sie schon schwanger waren, und zwar auf natürlichem Weg. Besonders diese Maria schien es dir damals angetan zu haben...

Gabriel
unterbricht ertappt Und die anderen?

Der liebe Gott
Denk dir was aus für sie. Stichwort Lebenswende. Machs ihnen nicht zu leicht. Spiel Schicksal. Und bleib sauber. Du bist mein bester Mann. Denk an Adam und Eva!

Gabriel
Geht in Ordnung, Chef. Zum Publikum Also der Alte geht mir manchmal....

Der liebe Gott
Und vergiss den Koffer nicht! Schaltet sich ab.

Gabriel
Gähnt herzhaft, fährt sich durch die Haare etc. und zieht den Koffer unter dem Bett hervor. Will ihn aufmachen, lässt es aber dann wieder. Zum Publikum Von wegen Schicksal „spielen“. Ewig dieser Bereitschaftsdienst, kaum Schlaf – das ist kein Spiel, sag ich Ihnen. Und dann noch dieser Nebenjob mit Standleitung nach oben - zeigt nach oben – alles ehrenamtlich. Öffnet den Koffer; es sind kissenartige Gebilde darin (die Bäuche der Schwangeren). Darüber wird es dunkel.

 

2. Oh sister, where art thou?

Dunkel. Atemgeräusche.
Wenn es hell wird, bewegen sich drei Frauen und zwei Männer (die Männer turnen scheinbar vor): Schwangeren-Yoga-Choreografie. Sie benutzen dabei die nicht umgeschnallten Bäuche als Kopf- oder Rückenstütze, jonglieren den Bauch liegend auf ausgestreckten Beinen etc., dazu Musik: „Eine Frau wird erst schön durch die Liebe“ von Zarah Leander, das die Frauen und Männer summen. Gabriel hilft den Frauen die Bäuche umzuschnallen. Auch die Männer binden sich zunächst ihre Bäuche um. Melanie sollte als erste ihren Bauch bekommen, aber als sie ihn umgelegt bekommt, fällt sie in Ohnmacht. Jetzt stehen alle um sie herum und bemühen sich um sie. Helga tätschelt ihr die Hand etc.

Melanie
Und ich bin die Melanie. Entschuldigung, mir ist ein bisschen schlecht geworden. Geht aber schon wieder.

Maria
Kein Wunder.

Melanie
hat jetzt auch einen Bauch. Vielen Dank auch!

Lutz
zu Melanie Hallo. Ich bin Ihr Geburtspfleger. Sagen Sie einfach Lutz zu mir.

Maria
Und wir sollen dem Schicksal also blind vertrauen, Herr Doktor? Mein Mann sagt, da musst du jetzt durch. Und soll ich Ihnen mal was sagen: Ich bin sogar froh, dass er sich nicht groß danach gedrängelt hat, mir auf dem Gebärhocker das Händchen zu halten. Hab bisher noch immer alles alleine durchgezogen. Zieht den Bauch nur widerwillig um.

Gabriel
Wir tun natürlich, was wir können. Alles, was Ihnen den Aufenthalt bei uns so angenehm wie möglich gestaltet, steht Ihnen und Ihrem Kind zur Verfügung.

Maria
anzüglich Soso.

Lutz
eifersüchtig Genau. Reißt sich zusammen. Wie Sie die Geburt empfinden, das hängt natürlich auch von Ihrem Grund-Körpergefühl ab. Selbst in den letzten Tagen und Stunden kann man das noch positiv beeinflussen.

Helga
Da sag ich Ihnen lieber mal gleich, dass ich damit einige Schwierigkeiten habe. Ich bin übrigens Helga. Bekommt den Bauch umgelegt.

Gabriel
Herzlich willkommen.

Melanie
Das sieht schön aus, Helga.

Helga
Wirklich? Betrachtet sich vor einem imaginären Spiegel.

Maria
Na ja, schön ist was anderes. Let’s go, Mädels.

 

3. Kokosnuss oder Ziegelstein?

Lutz
zieht einen bereitgelegten Rollkragenpulli über die Beine, die Frauen setzen sich auf die Gebärhocker. Also: In der letzten Phase des Geburtsverlaufs konzentriert sich der Schmerz um den Muttermund, weil der Kopf des Babys dagegen drückt... ungefähr so... als würde ihm ein enger Rollkragen übergezogen. Der Muttermund ist sehr elastisch und kann sich öffnen, wenn ihm Zeit gelassen wird und die Frau sich entspannt. Seien Sie nicht ängstlich, versuchen Sie keine großen Ansprüche an sich zu stellen. Versuchen Sie nicht, den Geburtsverlauf zu kontrollieren, auch wenn er sie verwirrt. Stellen wir uns also vor, diese Kokosnuss ist der Kopf des Kindes. Wir schieben ihn zwischen die Beine. Die Kokosnuss drückt auf den Muttermund, dieser öffnet sich. Etwa so. Die Kokosnuss, also der Kopf des Kindes, arbeitet sich jetzt wie ein Rammbock durch den Geburtskanal. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie die Kokosnuss verlieren könnten, machen Sie sich nichts daraus. Zwicken Sie unter keinen Umständen. Lassen Sie los. Die Kokosnuss bahnt sich ihren Weg und Sie können ihr dabei helfen, indem sie jede ihrer Bewegungen verfolgen und jede Wehe mit einem Atmen begrüßen.... Lutz hockt in Gebärstellung, presst und atmet, die Frauen stehen auf, nehmen sich jede ebenfalls eine Kokosnuss, hocken sich hin, versuchen, den Vorgang „nachzuempfinden“, atmen mit, so gut sie können.

Maria
Dieser ganze Aufwand wegen einer Kokosnuss!

Melanie
Ist bestimmt verdammt unbequem mit einer Kokosnuss zwischen den Beinen...

Helga
Können Sie das nicht noch genauer erklären... also die Kokosnuss rutscht immer mehr ... und wie war das dann gleich noch mit dem Rollkragen? Und was ist, wenn ich nicht zwicke und das Baby rutscht unkontrolliert auf den Boden? Fangen Sie das dann auf?

Lutz
Ein Aufhalten des Geburtsvorganges würde Ihnen ja nichts nützen. Was muss das muss, nicht wahr? Ich kann Ihnen nur raten, versuchen Sie, jede Minute zu genießen.

Maria
Genießen? Sie machen wohl Witze! Sie können auch nur so daherreden, weil Sie niemals in diese unbequeme Situation geraten werden. Das einzige, was Sie können, ist, mit Kokosnüssen zu jonglieren...

Helga
Aber er kann doch nichts dafür. Ist ja nun mal ein Mann. Aber irgendwann ist er selbst ja auch mal da rausgerutscht, da kann er doch auch was wissen. Stimmts?

Lutz
Danke, ja...aber wer weiß schon, was in absehbarer Zeit nicht alles noch möglich sein wird. Wie sie sehen, wäre ich ja bestens darauf vorbereitet...

Melanie
Na dann viel Spaß dabei! Was braucht man denn als Mann so dazu? Einen Mann oder eine Frau?

Lutz
Ich möchte Sie bitten, sich auf Ihre bevorstehende Geburt zu konzentrieren. Wenigstens, was das betrifft, befinden wir uns ja alle in der gleichen Situation – noch hat es keiner von uns erlebt.

Melanie
Wie aufregend!

Maria
Also eins weiß ich jetzt schon: Ohne Vollnarkose läuft bei mir gar nichts.

Lutz
Das besprechen wir später.

Melanie
Vollnarkose! Tote Hose! Hey, die Schmerzen machen das Ganze doch erst real, das perfekte Gefühl, mal zu was nütze zu sein.

Maria
Ja klar, aber auf „Maria, schmerzensreiche voller Gnaden“ kann ich gerne verzichten.

Helga
Können wir jetzt bitte die Kokosnussübung zu Ende bringen?

Lutz
Sehr vernünftig. Spüren wir also noch einmal gemeinsam den Druck der Kokosnuss auf unseren
Muttermund...

Sie üben gehorsam weiter, atmen.

Maria
Kokosnuss? Oma sagte immer: Ein Kind gebären ist wie einen Ziegelstein scheißen.

Ein Handy klingelt. Melanie löst sich aus der Gruppe, sucht umständlich in ihrer Tasche nach dem Handy und geht nach vorn, um zu telefonieren, die anderen üben weiter.

Lutz
genervt Also bitte!

Melanie
Hallo? Hey!!! Geil! ... Du, das ist jetzt ganz schlecht ... Wo bist du grade? ... Echt? Geil! O.K., das kann ich einrichten! Ich beeil mich. Super! Du bist süß! Bis dann ... ich mich auch! Schmatz! geht zur Gruppe zurück, legt sich wieder zu den anderen auf den Boden.

Dunkel. Dazu die Stimme eines kleinen Mädchens. Es erzählt das Wunder der Geburt. Man sieht die anderen im Hintergrund weiter üben.

Mädchen
Meine Mama, die wollte auch noch die Nina bekommen, und dann wusste sie nicht, ob’s ein Junge oder ein Mädchen ist, und dann ist es halt ein Mädchen geworden, und dann, das kann man sich nicht aussuchen, weil das so ist, das kann man sich halt nicht so aussuchen, weil das kommt halt so verschieden...Da ist extra noch so ein Loch, und da kommt’s raus. Und wenn das Baby dann draußen ist, dann wird der Bauch wieder dünner...Und wenn man dann auch zum Arzt geht, und man meint, dass es raus kommt, dann muss man dann schnell ins Krankenhaus und nachgucken, ob’s wirklich rauskommt. Und die muss dann ganz fest drücken, dass es wirklich alles rauskommt, und dass net die Hälfte drinnen bleibt, dann muss halt das andere auf die Seite gelegt werden, dann muss sie halt nochmal drücken, dass die andere Hälfte auch noch rauskommt, sonst würde der Bauch ja immer dicker und dann kommt noch die andere Hälfte wieder dazu und dann haben sie zweimal den Kopf und die Arme....Wenn’s bei uns jetzt zum Beispiel ein Junge gewesen wäre, dann wär’s auch nicht so wild gewesen, denn das kann man sich nicht immer aussuchen.

 

4.Wer ist schöner?

Lutz wendet sich dem Publikum zu, die Frauen im Hintergrund üben weiter, liegen und atmen

Lutz
Manchmal sitzt man einfach zwischen den Stühlen... Wirst du ein Junge oder nicht, das sagt dir gleich das Licht... Ich weiß noch, wie sich das anfühlte, als ich klitzeklein ein Teil in meiner Mutter war. In einer Frau zu leben, ist fast, wie selbst eine Frau zu sein.

Gabriel kommt dazu.

Gabriel
Und trotzdem kann ein Mann von all dem nichts wissen, zwei Männer auch nicht. Das weiß ich.

Lutz
Kann da nicht in jedem Bauch ein winziges Baby eingelegt sein?

Gabriel
...und dann sagt der Bauchbesitzer: jetzt sollst du wachsen und dann wächst das einfach so, was?

Lutz
Man muss nur genug essen, dann fängt sich das Baby das Essen im Bauch  und dann beginnt es zu wachsen.

Gabriel
Und dann kommt der Onkel Doktor...

Lutz
...macht ein Loch in den Bauch und holt es raus...Das dachte ich, aber da war ich noch ein Kind.

Gabriel
Ja, aber jetzt ist alles anders.

Lutz
Und wenn nicht?

 

5. Krampfadern

Melanie, Helga und Maria.

Maria
Und wie geht’s Mister Siemens? War er doch vorhin, oder? Macht Staubsaugergeräusche.

Melanie
Bist du etwa neidisch?

Maria
Na hör mal! Hände weg von verheirateten Männern, hat Oma schon gesagt.

Helga
Die mit dem Ziegelstein?

Maria
Genau. Und da ist was dran. Als „ewige Zweite“ zieht man doch immer den Kürzeren. Nee danke, kann ich da nur sagen.

Melanie
Der Herby ist anders. Der freut sich ganz närrisch auf das Kleine. Seine Frau kann ja keine Kinder kriegen...

Maria
Und du glaubst im Ernst, er nimmt dir bei der Geburt nach der Bradley-Methode das Atmen ab und ist so „anders“, dass er sich gleich selbst auf den Gebärstuhl setzt! Bei der kleinsten Schwierigkeit packt der doch seinen Vertreterkoffer und macht die Fliege!

Melanie
Malt sich die Lippen im Taschenspiegel. Du musst es ja wissen. Ich hab eben keinen Rüdiger, der zuhause mit dem Essen auf mich wartet, während ich ganz entspannt mein Business-Kostüm aus der Reinigung hole.

Maria
Du glaubst gar nicht, wie langweilig das sein kann. Aber in einer Sache sind wir uns einig, der Rüdiger und ich, eigentlich sollte ich nicht hier sein und schon gar nicht in diesem Zustand.

Melanie
Schaut auf die Uhr  Der Herbert wollte doch schon längst da sein.

Helga
Der kommt nie mehr, das kenne ich. Aber du bist schön, und hier drin ist auch alles in Ordnung (zeigt auf Melanies Bauch), da ist es vielleicht was anderes.

Einruf: Frau Maria Glesia bitte zur Kontrolle des Mittelstrahlurins! Frau Maria Glesia, bitte zur Kontrolle des Mittelstrahlurins!

Maria springt auf, eilt Richtung Klo, schaut sich um, zündet sich heimlich eine Zigarette an.

 

6. A woman’s work is never done

Maria schiebt keuchend ein Klo auf die Bühne und versucht, sich dabei die Hände nicht schmutzig zu machen, die Zigarette im Mund. Sie schiebt mit Po, Stöckelschuhen und Taschentuch. Hilfesuchende Blicke ins Publikum.

Maria
A woman’s work is never done. Le boulot d’une femme n’est jamais terminé.

Setzt sich erschöpft aufs Klo und macht ein paar Züge. Bemerkt die Zuschauer und holt einen Paravent herbei. Beschaut sich den Urinsammelbecher, beginnt mit dem „Sammeln“. Schattenspiel.

Gabriel in voller Montur (Mundschutz, Handschuhe etc.) auf dem Weg zur Toilette, kommt gerade aus dem OP. Er hat einen Koffer dabei.

Der liebe Gott
Gabriel?

Gabriel
Zu sich Der schon wieder.

Der liebe Gott
Wie steht’s?

Gabriel
Ich bin noch nicht ganz durch. So wie’s aussieht, wird Helga den Kürzeren ziehen.

Der liebe Gott
Mach’s nicht zu dicke. Prüfung gut und schön, aber ab und zu ein Licht in der Finsternis kann nicht schaden.

Gabriel
Ich werd mich bemühen.

Der liebe Gott
Und das mit Lutz hast Du doch wohl auch im Griff? Ich verlass mich da voll auf dich. Schaltet sich ab.

Gabriel
Stress! Zündet sich schon vor der Toilette eine Zigarette an.

 

7. Verkündigung

Gabriel
schiebt den Paravent beiseite. Sieht Maria rauchend auf dem Klo sitzen. Nimmt Maria die Zigarette aus dem Mund. Für Schwangere ist Rauchen ganz schlecht.

Maria
Sind Sie für den Urinbecher zuständig? Hab ich mich schon vorgestellt? Ich bin Maria Glesia, auserwählt, demnächst hier niederzukommen. Grinst, reicht ihm den Urinbecher.

Gabriel
nimmt ihn wie etwas Heiliges, greift die Anspielung auf. So ein Zufall. Ich bin nämlich Gabriel. Sie wissen doch, der der für allerlei christliche Befruchtung zuständig ist. Spielt den Engel Gabriel, indem er sich aus seinem Kittel zwei Flügel baut. Dein schwangerer Leib sei gegrüßt, Maria, Gebenedeite unter den Weibern.

Maria
kichert Jetzt muss ich erschrecken, oder? spielt Erschrecken, wie Maria auf den Verkündigungsbildern.

Gabriel
Fürchte dich nicht, Maria, denn Du bist voll der Gnaden.

Maria
schaut auf ihren Bauch Also, auf die Gnade könnte ich gut verzichten.

Gabriel
Du hast Gnade gefunden vor dem Gebieter und der Herr ist über dich gekommen.

Maria
kichert  Wenn mein Gebieter wüsst, wer wohl der Herr gewesen, der über mich gekommen ist. Fragender Blick von Gabriel. Bei Rüdigers und meinem Terminplan, da muss man sich doch auch mal was gönnen dürfen, oder.

Helga kommt dazu, bittet Maria um eine Zigarette.

Gabriel
Und siehe. Auch deine Base Elisabeth ist schwanger in hohem Alter!

Helga
Also Moment mal. Erstens heiße ich Helga und zweitens...

Maria
Das mit dem Alter könnt schon hinkommen.

Helga
Du blöde Kuh!

Gabriel
Wir sehen uns dann im Stall.

Maria
Und Ochs und Esel auch dabei? Grinst Gabriel an.

Gabriel
Ohne uns Ärzte geht gar nichts.

 

Erweiterte Eröffnung

8. Mütterlein

Lutz
Fräulein Liebscher, kommen Sie bitte noch einmal zum Blutdruckmessen.

Lutz und Melanie gehen zu einem Stuhl, Lutz holt ein Blutdruckmessgerät aus dem Koffer und beginnt damit, es Melanie anzulegen.

Lutz
Wissen Sie, der Gabriel war mal mein Freund. Als Kinder haben wir alles zusammen gemacht. Am liebsten war ich bei ihm tot.

Melanie
Aber warum denn?

Lutz
Wenn ich tot spielte, war er ganz lieb zu mir. „Bitte, du sollst nicht sterben, ich mach dich ganz bestimmt wieder gesund.“ Wenn er das sagte, hatte er echte Tränen in den Augen. Und dann hat er mich wieder gesund gemacht – wie ein richtiger Arzt.  „Du brauchst jetzt viel frische Luft“ hat er gesagt.

Melanie
Und dann?

Lutz
Dann hat er mir Blumensamen geschenkt, ganz seltene. Den haben wir dann im  Garten ausgesät, bis ein richtiger Urwald daraus geworden ist. Wenn es dunkel wurde, sind wir darin spazieren gegangen.

Melanie
Was habt ihr denn da so gespielt in euerm Urwald?

Lutz
„Wer ist schöner?“

Melanie schaut Lutz  fragend an.

Lutz
Das Spiel geht ganz einfach. Man zieht sich ein Kleid an und malt sich die Lippen rot. Dann hängt man sich an die Wäschestange und alle müssen vorbeikommen und fragen „Wer ist schöner?“ Dabei ist es wichtig, dass man sich ganz sehr festhält, ohne dabei das Gesicht vor Anstrengung zu verziehen, denn dann ist man nicht mehr schön und hat verloren. Einmal bin ich vor Anstrengung ohnmächtig geworden und wie eine Birne von der Stange geplumpst.

Melanie lacht.

Erst hat Gabriel gelacht, aber dann hat er geweint, weil er Angst hatte, dass Ich wirklich tot bin. Als ich wieder aufwachte, lag ich im Elternbett. Von diesem Tag an gab es keine Mädchenkleider mehr. Gabriel war, glaube ich, ganz froh, er mochte den „Weiberkram“ nie so richtig.

Während Lutz aufpumpt, lacht Melanie, sie ist kitzlig. Lutz muss ein zweites Mal aufpumpen, hält Melanie sanft fest. Es ist eine zärtliche, von echter Sympathie getragene Geste.

Melanie
Weiberkram... Bei mir zu Hause gab es nur Weiberkram. Schau ich ein bisschen hinter meine Stirn, seh ich sie gleich vor mir, meine Mutter. Sie liegt auf dem Sofa und liest ein Buch. War das jetzt vor meiner Geburt oder danach? Jedenfalls ist sie wahnsinnig schön, wie immer. Bunte Ketten und viele Armringe, wie Janis Joplin, und wenn sie sich bewegte, so mit einem Lächeln, war gleich eine Wolke um sie, aus leisem Klirren und Patschouli. Mmh. Meine Engel-Mama. Ich wär gern ihre Wolke gewesen. Steckt sich einen Kaugummi in den Mund. Sie nimmt den Koffer hoch, schüttelt den Koffer, hält ihn ans Ohr. Patschouli? Oder Räucherstäbchen?

Lutz
Nein. Schwarzer Krauser. Müssen die doch damals in Massen geraucht haben!

Melanie
Erst wusste ich gar nicht, wer meine Mama ist, bei so vielen jungen Frauen um mich rum, die alle so rochen und „Herzchen“ und „Engelchen“ zu mir sagten, mir den Hintern abwischten und mich ins Bett brachten. Aber die Mama, meine richtige mein ich, war schon einzig schön. Streichelt den Koffer.

Lutz
nimmt ihr vorsichtig den Koffer aus der Hand. Jetzt halten Sie doch bitte mal still! Richtige Mütter sollten ihre Kinder beim Spazierengehen an der Hand behalten, statt Muskatnuss zu kauen.

Melanie
aufgebracht Die Mama hatte mir ein Eis gekauft! Und in der anderen hatte ich Bussi Bär. War dann auch gar nicht so schlimm mit dem Auto, schließlich und endlich. Für mich, meine ich. Als ich meine Augen nach dem Quietschen wieder aufmachte, waren nur meine weißen Strumpfhosen im Eimer. Aber Bussi Bär hatte es schwer erwischt. Er lag direkt vor den Autoreifen, ein Bein war ab. Wo hab ich den Bussi eigentlich? Den bekommt Mandy mal, wenn sie größer ist. Streichelt ihren Bauch. Oder schenk ich ihn Herbert?

Lutz
Mandy, schöner Name, klingt wie Schokolade, Mette, Marie, Marietta, Marcella...

Melanie
oder M-e-l-a-n-i-e. Sie hat mal ein Foto von mir gemacht. Mit Rüschenkleid und Gitarre. Wie Melanie eben. Ich sollte auch singen. Ging aber ziemlich daneben, und Mama war irgendwie sauer summt ungeschickt „What Have They Done To My Song“. Erst hat sie ein paar Tage nicht mehr mit mir geredet. Und dann durfte ich mir im Blumengarten hinter dem Bauernhof ein kleines Beet anlegen. Von da an war ich für alle nur Blümchen. Meine Fingernägel waren immer dreckig. Betrachtet ihre lackierten Nägel. Am liebsten hab ich sie mir im Bad mit einer spitzen Nadel saubergemacht. Heimlich. Bis Blut kam. Bussi Bär ist doch nichts für Herbert. Er hat ja schon meine Kinderschuhe gekriegt, für den Rückspiegel von seinem Mercedes. Hat er aber nie aufgehängt, wegen seiner Frau. Kann ich verstehen.

Lutz
Sehr einfühlsam, Ihr Herbert. Doch. Ist mit dem Messen fertig. 130 zu 80.

Melanie
Die Schuhe hab ich bekommen, als Mama für ein Jahr nach Indien ging.

Lutz
Als Trost dafür, dass sie dich alleine gelassen hat. Er nimmt Melanie spontan in den Arm. Sie sind sich sympathisch.. Mensch Melanie. Vergiss mal deine Flower-Power-Mutti. Und deinen Herby solltest du dir auch abschminken! Von wegen Super-Vater. Die Sorte kenn ich. Nix wie weg ausm Nest und rauf auf den Zug der Selbstverwirklichung. Mütter und Kinder stören da nur!

Melanie
Quatsch. Bei mir kriegt er genau das, was er zuhause nicht haben kann. Er liebt mich, weil ich ganz anders bin.

Lutz
Was glaubst du, wie mein Vater mich geliebt hat, weil ich ganz anders bin...

Melanie
So was kann man lernen. Wenn mein Kind so werden würde...

Lutz
Ja, ja, eine tolle Kombination von Super-Mutti und Super-Vati erwartet die kleine Mandy da. Bin ich ja mal echt gespannt. Stell dir das nur nicht so einfach vor. Da kann man ne Menge falsch machen.

Melanie
Jetzt sei doch nicht gleich sauer. Ich verlass mich da voll auf mein Gefühl und denke lieber nicht zu viel nach. Ich weiß nur noch nicht so richtig, wo ich hin soll mit dem Kind, bis Herbert nachkommt. Bei Claudi und Tom will ich jedenfalls nicht bleiben, die rauchen so viel. Ist dann nicht so gut für das Kleine.

Lutz
Wenn du magst, in unserer WG ist noch ein Plätzchen frei. Manchmal können auch Männer gute Mütter sein. Na, wie wärs, Blümchen? Einzug mit Kind und Blumenbeet?

Melanie
Meinst du? Und wär denn für Herbert auch ein Gästebett drin?

Lutz
Meinetwegen.

Beide mit dem Koffer ab.

 

9. Gencocktail

Gabriel
Ich bin davon überzeugt, dass jeder sein Leben selbst in der Hand hat - 100prozentig und das schon von Geburt an. Nur die Erbmasse ist ein Risikofaktor, da besteht eindeutig Handlungsbedarf. Mein Erbmaterial stammt übrigens von zwei Müttern. Diagnose: Mutter zu alt für eine risikofreie Schwangerschaft. Therapie: Verjüngungskur der Eizelle mit Genmaterial einer 20jährigen. Ergebnis: ein präziser Gencocktail. Für die damalige Zeit eine medizinische Pionierleistung. Dank einer präzisen Präimplantationsdiagnostik wurde in meinem Leben jeglicher Fehler vermieden, absolute Kontrolle der Erbmasse. Lutz erscheint im Hintergrund, Gabriel Blick zu Lutz. Allerdings gibt es im Leben sensible Phasen, da könnte eine Begegnung die genetische Vorbestimmung durcheinander bringen.

(Ende des Ausschnitts.)

 

 

 
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