Sabine Göttel  
 
 
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GESPRÄCH MIT SABINE GÖTTEL

Marcella Berger
Fenster in die Festen der Herkunft brechen
Ein Gespräch mit Sabine Göttel

In: Chaussée. Zeitschrift für Literatur und Kultur in der Pfalz, Heft 11+12/2003, S. 173-178

Gibt es literarische Vorbilder für dich?

Nein, das könnte ich so nicht sagen. Aber es gibt Autoren und Autorinnen, die ich gerne lese: Alice Munro, Elena Lappin, Marieluise Fleißer, Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Werner Schwab, Antonio Lobo Antunes und viele andere.

Viele deiner Texte kreisen um Personen deiner Familie. Bist du ein Familientier?

Ach herrje, vielleicht bin ich ein von der Familie geprägtes Einzeltier! Eine eigene Familie im Sinne von Ehemann, Kind(ern) und Hund habe ich ja nicht. Und Rudel kann ich nicht leiden. Aber natürlich haben mich meine Familie und meine Herkunft beim Schreiben sehr beschäftigt und beschäftigen mich immer mehr, je älter ich werde. In diesem Sinn entkomme ich der Familie nicht, auch wenn ich meine Zelte seit längerem woanders aufgeschlagen und mir sogar weitere Familien zugelegt habe – Menschen, mit denen ich lebe und arbeite und mit denen ich mich seelenverwandt fühle. Mit meinen Texten, mit meinem Schreiben habe ich Fenster in die alten Festen der Herkunft und der Familie gebrochen. Und wie das so ist bei Fenstern, geben Sie den Blick auf Unbekanntes, Neues frei und gleichzeitig fällt Licht auf das vermeintlich Bekannte und eröffnet ungewohnte Perspektiven, eine neue Sicht auf die Dinge.

Ist der Eindruck richtig, dass dabei die weiblichen Familienmitglieder eine größere Bedeutung haben als die männlichen?

Das kann man durchaus so sehen. Selbstverständlich fällt es mir bei den Frauen leichter, mich in deren Lebensentwürfe einzufühlen, mich mit weiblichen Lebensmustern zu identifizieren, als mit männlichen. Ich lebe heute zwar ein ganz anderes Leben als noch meine Großmütter; doch bleiben Archetypen des Frauenlebens, die ich quer durch den Familienstammbaum verfolgen kann und in Rudimenten auch bei mir noch entdecke. Meine Großmütter haben zum Beispiel zwei Weltkriege erlebt. Wenn ich mich in ihre Existenz einfühle, wenn ich versuche zu verstehen, wie sie gedacht und gefühlt haben, kann ich mich vielleicht besser in der heutigen Gesellschaft einordnen. Es ist die kleine in der großen Geschichte, die ich heute in meinem Leben sicher auch entdecken und beschreiben kann. Das ist es, was mich auch bei anderen Menschen bzw. literarischen Figuren interessiert.

Was bedeutet das in Bezug auf deine eigene literarische Produktion?

Ob man nun autobiografische oder fiktive Texte schreibt – immer findet eine Spiegelung mit dem statt, was man so unter der Schädeldecke hervorkramt. So suche ich oft nach Parallelbiografien – wie hat der, wie hat die damals gelebt, wie könnte die Familie aussehen, die ich beschreibe und was kenne ich davon aus meinem eigenen Leben und was ist anders und warum? Die literarische Spiegelung des Eigenen im Anderen oder im Möglichen ist, glaube ich, ein Grundprinzip der Entstehung von Literatur. Aber vor den Spiegeln ist auch Vorsicht geboten: Das bloße Wiedererkennen ist langweilig. Interessanter sind blinde Spiegel, die die Wahrnehmung erschweren und verlangsamen und so ein genaueres Hinsehen erzwingen. Oder brüchige Spiegel, die nur Splitter, Fragmente des Abgebildeten zulassen. Man muss dann die Fantasie bemühen, um ein ganzes Bild zu bekommen.

Also: „Natürlich sind es Bruchstücke“ – das ist ja der Titel deiner Dissertation über Marieluise Fleißer. Wie weit geht deine Identifikation mit der Ingolstädter Autorin?

Identifikation? Ich weiß nicht. Sie war in gewissem Sinn meine Lehrerin. Einmal hatte ich, als in an meiner Dissertation über sie saß, einen Traum, in dem ich sie in einem Hotel traf. Sie kam mir als kleine, gebeugte Frau entgegen, aber ihre Augen waren wach und blitzten. Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte: „Weiter so!“ Obwohl ich die Fleißer persönlich nie kennen gelernt habe (sie starb 1974), muss die Sympathie gegenseitig gewesen sein...
Was sie mich gelehrt hat: Es ist eine Illusion, die Wurzeln seiner Herkunft und Familiengeschichte gewaltsam kappen zu wollen. Irgendwie bleibt dieser Urschlamm immer kleben und es bleibt dem einzelnen vorbehalten, wie er damit umgeht. Und irgendwie ist das meist ja auch nicht so tragisch, oder? Zu wissen, woher man kommt, kann ja auch eine Vergewisserung und Erdung bedeuten. Ein Schutz vor den „Frösten der Freiheit“, wie die Fleißer einmal schrieb. Und eine Inspirationsquelle.

Freiheit versus Provinz als Fleißersches Lebensthema – findest du dich da auch in einer produktiven Spiegelung wieder?

Doch, schon, die Freiheit lockt, und man muss ihr folgen. Dann aber gelten Gesetze, die man nicht unbedingt selber bestimmt, das Rudel. Die Folge: Anpassung oder Selbstbehauptung und oft auch Einsamkeit. Das gilt für ein Leben fernab des gewohnten Umfelds – also außerhalb der vermeintlich freundlichen Provinz – aber, was ist das eigentlich: „Provinz“? Außerdem, in dem Moment, in dem man seine Schublade öffnet und das Geschriebene fremden, urteilenden Blicken aussetzt, ist man immer in der Fremde. Du musst beim Schreiben aushalten können, dass andere Menschen ihre Lebensentwürfe gegen deinen setzen. Eine gute Möglichkeit, deinen eigenen zu überprüfen.

In den letzten Jahren hast du dich auf Prosa und dramatisches Schreiben eingelassen - hast du die Fronten gewechselt? Hat das Lyrische seinen speziellen Reiz als poetisches Haus von Weltangst und Lebensgier für dich verloren?

Nein. Das Lyrische hat immer noch seinen Platz unter meinem Dach. Aber ich hatte irgendwann das Gefühl, dass mein Leben in den letzten Jahren an Leichtigkeit gewonnen hat. Und ich habe beim Schreiben den Humor und die Ironie entdeckt, die übrigens ein wunderbares Mittel der Kommunikation sind, wenn man mit mehreren Menschen an einem Projekt arbeitet – wie das im Theater ja der Fall ist. Die Prosa – und in wirklich sehr begrenztem Umfang auch die Dramatik - schienen mir die geeigneteren Formen, diese für mich bereichernde Entdeckung in Texte zu verwandeln. Weltangst und Lebensgier gelten weiterhin, aber sie mir und anderen in einer etwas bunteren, leichteren „Verpackung“ – der fließenden Prosa – anzubieten, schien mir plötzlich eine sehr verlockende und tröstliche Aussicht.

In deiner Dissertation sprichst du von „Strategien ironischer Selbstverdächtigungen“. Wäre das so etwas?

Selbstverdächtigung kann nicht schaden! Wer sich ständig als das Maß aller Dinge begreift, ist uninteressant und weltfremd. Wir sind wie Zelltierchen, durch deren Membran die Dinge des Lebens hinein und wieder hinaus fließen und umgekehrt. Und im Zentrum gilt es einen Kern zu züchten und zu schützen, das könnte dann die so genannte Persönlichkeit sein. Aber auch die ist angreifbar und Irrtümern unterworfen und eitel und selbstsüchtig und korrumpierbar. Jedes Urteil, das aus diesem Kern kommt, ist subjektiv und kann sehr verletzend sein. Das sollte man sich immer mal wieder klarmachen, das heißt, sich selbst verdächtigen und Fehler nicht nur bei anderen suchen. Ironie und Humor sind die geeigneten Strategien für so einen Angriff auf sich selbst, frei nach dem Motto: „Provinz ist, wo ich bin“.

Wenn du eine autobiographische poetologische Inventur machen würdest - worauf würde man dabei stoßen?

Auf ein großes Haus mit vielen Zimmern, Keller, Dachboden und Fenster mit Milchglasscheiben. Auf meine Kindheit und Jugend also und viele Bücher und Musik. Vor allem auf viele Menschen, die mich mit dem Leben vertraut gemacht haben, in seiner ganzen Süße und Schärfe, und die mir geholfen haben, das geräumige Haus zu bauen und manche Fenster blitzblank zu reiben, so dass ich nach draußen schauen kann.

Würde man bei einer solchen Sichtung auch auf einen "Schatten des Meisters" treffen?

Ich denke, ich hatte viele gute Lehrerinnen und Lehrer.

Sabine - Vater - Theater? Kannst du damit was anfangen?

Mir fällt eher die Reihe Sabine – Mutter – Theater ein. Oder aber: Wer Theater machen will, muss seine Väter und Mütter rechtzeitig verabschieden.

Sabine: die Anregerin, das Modell und die Muse?

Nicht dass ich wüsste. Ich fand’s und finde es aber immer schön, Leute zu kreativen Dingen zu inspirieren, ihnen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln. Kreative Prozesse anzukurbeln, ins Laufen zu bringen, ist ja auch ein wichtiger Teil meines Berufs als Dramaturgin. Ein Dach für die Kunst zu bauen, unter dem alle arbeiten können – wenn das gelingt, ist es herrlich!

Was du schon immer gefragt werden wolltest:

Wie gehst du mit dem Älterwerden um?

Wie gehst du mit dem Älterwerden um?

Älterwerden ist die größte Herausforderung im Leben, oder? Wir müssen uns ihr stellen und guten Mutes sein. Ich helfe mir damit, dass ich mir sage: Ich bin nicht allein.

 

 

 
  copyright © 2006 sabine göttel impressum